Medien

15. November 2012

„Science Busters“ im ORF: Können Moleküle Spaß haben?

 Von Peer Schader
Gehört zu den heimlichen Stars des ORF: Prof. Werner Gruber. Foto: ORF

Schleifenquantengravitation für alle: Im ORF sind sie mit ihrem Wissenschaftskabarett die Stars im Nachtprogramm – jetzt gehören die „Science Busters“ endlich auch ins deutsche Fernsehen.

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Wissenschaftler im Fernsehen sind in der Regel ein unkalkulierbares Risiko. Jederzeit besteht die Gefahr, dass sie mit Fachbegriffen um sich werfen, in ihren eigenen Theorien verloren gehen oder vergessen, dass ihre normalsterblichen Zuhörer eher selten in Formelsprache miteinander kommunizieren.

Wahrscheinlich war der ORF deshalb erstmal skeptisch, als er vor fünf Jahren einen Redakteur ins Wiener Rabenhof-Theater schickte, wo Atomphysiker Heinz Oberhummer von der TU Wien mit seinem Kollegen Werner Gruber von der Universität Wien auf der Bühne stand, um dem Publikum zu erklären, was es eigentlich mit der Schleifenquantengravitation auf sich hat. Fürs Fernsehen schien das ganz bestimmt nicht geeignet.

Schlaue Unterhaltung

Inzwischen gehören die Professoren zu den heimlichen Stars im ORF-Spätprogramm, weil sich der Sender nach dem Erfolg der permanent ausverkauften Theater-Shows vor einem Jahr doch noch entschieden hat, die „schärfste Science-Boygroup der Milchstraße“ auf den Bildschirm zu holen. Das war ein sehr guter Entschluss. Weil es im deutschen Sprachraum sonst kein vergleichbares Programm gibt, das seine Zuschauer schlau macht, während es sie unterhält.

Daran ist Martin Puntigam nicht ganz unbeteiligt. Oberhummer und Gruber haben den in Graz geborenen Kabarettisten zu sich ins Team geholt, damit er die richtigen Fragen stellen und – falls notwendig – den Erzähleifer der beiden Physiker bremsen kann. „Für die beiden Wissenschaftler sind Naturgesetze selbstverständlich, die müssen da nicht mehr groß drüber nachdenken“, sagt Puntigam. „Aber das Publikum will verstehen, warum etwas so ist wie es ist. Meine Aufgabe ist es, so lange zu fragen, bis ein Thema auf eine Art beschrieben ist, dass man es verstehen kann. Oder, falls nicht, dass man drüber lachen kann.“ Meistens klappt beides.

Einmal geht es darum, wie schwarze Minilöcher entstehen und was der Menschheit eher den Garaus machen wird: die Erdschrumpfung oder die Röstung durch die Sonne? Ein andermal wird geklärt, warum unser Gehirn austrocknet, wenn wir zu wenig trinken, ob Moleküle Spaß haben können und warum probiotisches Joghurt für die darin enthaltenen Bakterien ein Selbstmordkommando ist. Bei den „Science Busters“ ist der Weltuntergang genauso wichtig wie die ordnungsgemäße Live-Zubereitung eines Schweinsbratens mit physikalischen Mitteln. „Jedes Mal kochen ist ein Experiment, jedes Mal essen eine Messung“, findet Gruber, dem man ansieht, dass er gerne ausführliche Messungen vornimmt.

"Zuchtbullen der Physik"

Zwischendrin neckt Puntigam seine beiden „Zuchtbullen der Physik“, indem er sich über ihre Begeisterung für verschachtelte Weltzusammenhänge lustig macht. Es gebe so viele Waffen auf dem Planeten, dass man jeden sieben Mal umbringen könne, erzählt der 71-jährige Oberhummer mit aufgerissenen Augen – und Puntigam erwidert: „Wenn ich verzichte, könnten Sie vierzehn Mal. Da lassen Sie's mal krachen in der Pension.“ Und wenn Gruber per Streichholzexperiment die Kettenreaktion in Atomreaktoren erklärt, verspricht Kabarettist Puntigam: „Wenn Sie's ausblasen, dürfen Sie sich was wünschen – zum Beispiel neue Augenbrauen.“

Puntigam scheint zufrieden sein mit seinem Job als Moderator im rosafarbenen Radlertrikot. „Ich bin der Taktgeber. Wenn ich einatme oder zum Reden ansetze, hören die anderen auf. Das haben wir so ausgemacht. Es ist also nicht so, dass derjenige gewinnt, der am schnellsten ist. Sondern immer ich.“

Die echte Physik sei natürlich sehr viel komplizierter als man das auf der Bühne erklären könne. „Aber es ist auch eine Leistung der beiden Professoren, es so zu erklären, dass man als Zuschauer nicht die Lust daran verliert.“ Da hilft es natürlich enorm, wenn es mindestens einmal am Abend beim Live-Experimentieren mit Bauarbeiterhelm ordentlich kracht.

Abgebrannt ist das Theater, in dem auch die Shows fürs Fernsehen aufgezeichnet werden, glücklicherweise noch nicht. „Da kommen Leute von der Behörde, die Feuerwehr ist dabei, und alle sind froh, dass endlich mal jemand einschätzen kann, wie gefährlich das ist, was er da auf der Bühne unternimmt“, beschwichtigt Puntigam. Wenn alle Fragen zur Plausibilität des Weltuntergangs geklärt sind und noch Zeit ist, spielt Oberhummer auch gerne mal Gitarre – „Satisfaction“ von den Rolling Stones oder mit Puntigam als Blockflötenbegleitug „5 Minuten vor 12“ von Udo Jürgens.

Am Freitag im BKA

Vom biederen Charme der deutschen Wissenschaftserklärer sind die „Science Busters“ Galaxien entfernt. Ins hiesige Fernsehen hat es die Show trotzdem noch nicht geschafft. Dabei wäre 3 Sat als ORF-Partner der ideale Sender, in Mainz kommt man aber noch nicht in die Gänge. Deshalb sind die Professoren jetzt erstmal auf Livetour durch ihr Nachbarland. Die letzte Station ist an diesem Freitag in Berlin im BKA-Theater. Wahrscheinlich lässt sich ein Besuch sogar als Weiterbildungsmaßnahme verbuchen. Der Titel des Programms lautet: „Gedankenlesen durch Schneckenstreicheln“. Aber wer freundlich fragt, kriegt bestimmt auch das mit der Schleifenquantengravitation noch mal erklärt.

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