Wir schreiben den 4. November 2008: Ganz Amerika berauscht sich am Wahlsieg von Hoffnungsträger Obama. Ganz Amerika? Ja: Sogar im Provinzkaff South Park, Colorado, feiern halbnackte Obama-Fans eine Loveparade, jubeln, pöbeln und kündigen spontan ihre verhassten Jobs, weil Obama ja nun alles verbessern werde. Was keiner ahnt: All der Wahltrubel ist ein Ablenkungsmanöver von Obama und McCain, die Meisterdiebe im "Ocean's 11"-Format sind - und nun durch den Fluchttunnel unterm Weißen Haus ins Smithsonian-Museum einbrechen, um den "Hope-Diamanten" zu stehlen.
Es gibt nicht viele TV-Serien, die mit einem derart profanen Dreh karikieren würden, wie sich In- und Ausland bei der Superlativbildung zur historischen US-Wahl überschlugen. Und spätestens den Gag, Obamas weiße Großmutter habe ihren Tod nur inszeniert, um die Polizei in der Wahlnacht mit einer Bombendrohung abzulenken - den traut man nur noch der amerikanischen Anarcho-Zeichentrickshow "South Park" zu.
Wenn heute die plump animierte, albern eingesprochene - und gerade darum kultisch verehrte - Serie auch in Deutschland in ihre zwölfte Staffel geht, widerlegt die Show um die vier Grundschul-Flegel Kyle, Stan, Cartman und Kenny längst all die TV-Kritiker, die bei Serienstart 1997 unkten, Fäkalsprache und Tabubrüche als einzige Humorbasis würden sich schnell abnutzen. Klar: Da, wo die vergleichsweise feingeistigen "Simpsons" in ihrer liberalen Gesellschaftskritik mit dem Florett fechten, wirft "South Park" Bomben. Meistens Stinkbomben. So infiziert Cartman in der Auftaktfolge zur neuen Staffel seinen Kumpel Kyle absichtlich mit HIV - wofür sich aber keiner interessiert, denn: "Aids war eher so 80er, 90er-Jahre, heute macht man Galas für Krebs". Zu den Skandalen, die die Serie begleiteten, zählte etwa eine Beschwerde von Jugendschützern über die 162-fache Nennung des Wortes "Scheiße" in 20 Minuten und die Klage der katholischen Kirche über eine Episode, in der der Missbrauch kleiner Jungs als Teil ihrer Glaubensgrundlage dargestellt wurde.
Was man aber gerade als deutscher Zuschauer leicht übersieht, ist nicht nur, wie riesig in den USA der Markt für Pennäler-Humor à la "American Pie" ist. Noch mehr zum Erfolg der "South Park"-Macher - noch immer hauptsächlich die College-Abbrecher Matt Stone (37) und Trey Parker (39) - trägt bei, wie schnell und bissig sie auf politische und (pop-)kulturelle Debatten reagieren.
So tauchten bei der Erstausstrahlung der Obama-Folge bereits Zitate aus dessen Siegesrede auf - zwei Tage nach der Wahl. Nach dem 11. September 2001 hatte es noch fast einen Monat gedauert, bis Cartman persönlich Osama bin Laden in den Hintern trat. Dass allerdings den Profi-Provokateuren Stone und Parker zum "Angriff auf Amerika" nichts Schlaueres einfiel, als Bin Laden zum Kamele küssenden Dummkopf zu machen, der in Tom-und-Jerry-Manier die Hucke voll kriegt, verrät den eigentlichen Schlüssel zu ihrem Dauererfolg: Zwar wird Bin Laden verhöhnt, zu dessen C.I.A.-Kontakten fällt "South Park" aber rein gar kein Gag ein. Zwar schockiert die Kids das Elend in Afghanistan, dass ein Kriegseinsatz dagegen hilft, wird aber auch im Subtext nie bezweifelt. Kurz: So groß die Aufregung der Sittenwächter sein mag - die Werte, die hinter der Sudel-Satire von "South Park" hochgehalten werden, sind so amerikanisch wie McDonald's und Britney Spears zusammen: allen voran die Überzeugung, dass die USA letztlich doch das beste Land der Welt ist.
Deutschland-Premiere der 12. Staffel heute, 22.15 Uhr, auf Comedy Central.
Manchmal sind es die kleinen, schönen Dinge am Rande, die beeindrucken. Die zeigen wir in unseren Bildern des Tages.