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"Tatort": Sein letzter Film

Ende einer Ära: Jahrelang hat Gregor Weber im „Tatort“ ermittelt. Nun ist Schluss. Hätte man Kommissar Deininger einfach erschossen, dann wäre alles nicht so hässlich geworden.

Nach diesem Fall gibt  Gregor Weber seine Dienstwaffe  ab und schreibt stattdessen schöne Bücher.
Nach diesem Fall gibt Gregor Weber seine Dienstwaffe ab und schreibt stattdessen schöne Bücher.
Foto: SR/Manuela Meyer

Hätte man ihn einfach erschossen, dann wäre alles nicht so hässlich geworden. „Dass ein Sender seine „Tatort“-Kommissare irgendwann auswechselt, ist ja erst einmal nicht ungewöhnlich“ sagt Gregor Weber. Aber an der Entscheidung des Saarländischen Rundfunks, seine Ermittler Deininger und Kappl zu pensionieren, ist allerhand ungewöhnlich. Zum Beispiel, dass die Quoten gut waren und die beiden Saarbrücker Kommissare vor allem bei jungen Zuschauern gut ankamen. Die Geschichte der beiden sei „auserzählt“, begründete der SR im Herbst die Entscheidung.

Ungewöhnlich auch, dass es keine Abschiedsfolge geben wird, in der die Kommissare versetzt werden oder eben sterben – irgendein dramaturgisch üblicher Kniff also, mit dem die Geschichte plausibel abgeschlossen wäre. So aber geht mit dem neuen „Tatort“ am Sonntagabend die Dienstzeit des Duos Kappl/Deininger kommentarlos zu Ende, zwischen Sender und Schauspieler sind die Fronten verhärtet, weil Brückner und Weber nicht unterschreiben wollten, dass es sich um eine einvernehmliche Trennung handelt. Für den gut beschäftigten und preisgekrönten Maximilian Brückner, aktuell mit Detlefs Bucks „Rubbeldiekatz“ im Kino, hat das „Tatort“-Ende wohl weniger Folgen als für Gregor Weber. Für den 43-Jährigen ist es das Ende seiner Schauspielkarriere.

„Ich sehe keinen Sinn darin, mich weiter auf den Markt zu werfen“, sagt Weber und klingt dabei ganz und gar nicht verzweifelt. Ins Café am Münchner Beethovenplatz ist er mit großem Gepäck und einem Degen angereist; er will anschließend zum Fechttraining. Dazu kommt es dann nicht, weil es einfach zu viel zu erzählen gibt: über eine Branche, in der Bequemlichkeit und Beziehungen regieren, und über ein Leben, in dem die Schauspielerei vielleicht ein Irrtum, in jedem Fall aber nur eine Option von vielen war.

Aus dem Saarländer hätte zum Beispiel auch ein Profisportler werden können, hätte er nicht mit 19 Jahren die Lust am Fechten verloren, die kehrte erst zwei Jahrzehnte später zurück. Weber studierte Jura, dann Germanistik, bis er einen Freund in eine Uni-Theatergruppe begleitete, danach wollte er an eine Schauspielschule. Seine siebte Bewerbung war erfolgreich. Parallel zur Ausbildung in Frankfurt spielte er in der Saarlandsatire „Familie Heinz Becker“ mit, was ihn im Saarland zu einer Berühmtheit machte. So ist es bis heute geblieben, ohne den komischen Schnauzbart, den er als Kommissar Deininger trägt, erkennen ihn nur leidenschaftliche „Tatort“-Fans – und Saarländer.

Zum Koch umgeschult

Im Saarbrücker „Tatort“ spielte er seit 2001 mit, zunächst war er der Assistent von Kommissar Palu, als der durch Franz Kappl abgelöst wurde, stieg Deininger zum Hauptkommissar auf. Weber spielte auch Theater, drehte große und kleine Filme und Serien, aber die Schauspielerei machte ihm immer weniger Spaß. Vor allem das Drumherum: die Castings, die Selbstinszenierung, das ständige Bewertetwerden. Richtig und regelmäßig Geld brachte die ganze Sache auch nicht. „Irgendwann dachte ich, es muss noch eine Alternative geben.“

Er fand sie in der Gastronomie. Weber, der damals mit seiner Frau, einer TV-Autorin, und den zwei Kindern in Berlin lebte, ließ sich im Gourmetrestaurant „Vau“ von Kolja Kleeberg zum Koch ausbilden. Über seine Erfahrungen schrieb er 2009 ein Buch, „Kochen ist Krieg“ – der Beginn seiner Drittkarriere als Autor. Im vergangenen Jahr veröffentlichte Weber einen Krimi und sitzt schon am nächsten. Seine Bücher verkaufen sich gut, das Schreiben macht ihm Spaß. Er war zufrieden: „Ich dachte, ich habe eine super Existenzgrundlage: ich drehe einen „Tatort“ im Jahr und schreibe ein bis zwei Bücher. Jetzt muss ich wohl zwei bis drei schreiben.“

Denn der SR hatte andere Pläne, künftig werden Devid Striesow und Elisabeth Brück in Saarbrücken ermitteln. Weber glaubt, er und Brückner seien zu unbequem gewesen, hätten sich zu sehr in die Stoff- und Figurenentwicklung eingemischt und sich vor allem zu oft beschwert, wenn sie etwas für nicht gut hielten – was oft vorkam. „Viele Autoren, gerade die, die von den Redakteuren bevorzugt werden, haben ein geradezu aggressives Desinteresse an der Wirklichkeit und eine echte Abscheu vor Recherche.“

Weber, der dabei war, als die Filmidee zu „Verschleppt“ vorgestellt wurde, konnte kaum glauben, dass die beiden Autorinnen den Zuschlag fürs Drehbuch bekamen: „Das Konzept war so schlecht, und es gab nicht einmal einen Mord!“ Den immerhin hat die Geschichte jetzt, es geht um junge Mädchen, die entführt und in einem Keller gefangen gehalten wurden, eines stirbt. Der Film besteht aus vielen kleinen Einheiten, eine anstrengende Mischung aus behäbigen Dialogen und bemüht experimentellen Bildern.

Gregor Weber wird am Sonntagabend zuschauen, er kennt den fertigen „Tatort“, seinen letzten, noch nicht. „Wir waren nicht lieb“, sagte er, „wir haben diesmal keine DVD bekommen“.

Autor:  Sarah Mühlberger
Datum:  21 | 1 | 2012
Kommentare:  1
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