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"Trooptube": Clips vom Hindukusch

Die US-Armee kontrolliert die Internetaktivitäten ihrer Soldaten in Afghanistan rigoros. Jetzt hat sie Seiten wie Youtube und Myspace im gesamten Army-Netz gesperrt. Von Johannes Gernert

Soldaten der 82. Luftlande- und 1. Infantrie-Division beim Chat im Irak.
Soldaten der 82. Luftlande- und 1. Infantrie-Division beim Chat im Irak.
Foto: ap

Die offizielle Begründung war die Bandbreite. Wenn US-Soldaten im Irak und in Afghanistan in ihrer Freizeit ständig auf Seiten wie Youtube und Myspace surften, verringere das die Geschwindigkeit im gesamten Army-Netz. Deshalb sperrte das Pentagon die Seiten der Videoplattform und des Sozialnetzwerks im Mai 2007. Nun gab das amerikanische Verteidigungsministerium zu: Man wollte auch verhindern, dass Soldaten Bilder und Videos von ihren Einsätzen ins Internet stellen. Wenn ein Clip das Innere einer Militärbasis zeige, könne das Terroristen nützen und die Armee gefährden. Das Eingeständnis erfolgte, als das Pentagon seinen Youtube-Ersatz vorstellte. Die Seite heißt Trooptube, ihr Inhalt wird vom US-Verteidigungsministerium streng kontrolliert - und sie braucht laut der Betreiber-Firma Delve Networks weniger Bandbreite als Youtube.

Die Trooptube-Videos sind äußerst harmlos. Frauen von Soldaten winken ihren Männern zu und wünschen alles Gute im Auslandseinsatz. Ein General gratuliert der Truppe. Ein Sergeant gratuliert der Truppe. Andere Soldaten gratulieren der Truppe.

Das Pentagon reagiert mit dem zensierten Angebot auf eine Schwierigkeit, der sich alle Armeen im Auslandseinsatz stellen müssen. Übers Internet können Nachrichten, Videos und Fotos von der Front in die Welt dringen. Auf Seiten wie milblogging.com schreiben Militärs online und für jedermann sichtbar ihre Feldtagebücher. Schon 2006 hatte das Pentagon versucht, bloggende, aktive Soldaten zu stoppen und ihre Kollegen davon abzuhalten, Erinnerungsvideos zu verbreiten.

Nicht alle Armeen gehen derart rigoros gegen den militärischen Informationsfluss auf zivilen Seiten vor. Bundeswehr-Soldaten in Afghanistan etwa hätten an Internet-Rechnern, die vom Dienstsystem abgekoppelt sind, "fast freien Zugriff" aufs Netz, sagt ein Sprecher des Verteidigungsministeriums. Auf Youtube finden sie nicht nur etliche Erinnerungsclips von der Isaf-Mission in Afghanistan, sondern auch zahlreiche Nachrufe auf Deutsche, die dort gefallen sind. "Möge Euer Opfer nicht umsonst gewesen sein und endlich mehr Menschen in der deutschen Gesellschaft und Politik Euer Opfer zu würdigen wissen", heißt es in den Kommentaren. Manche Fotoschau von der Friedensmission zeigt ziemlich detaillierte Bilder vom Einsatz der Bundeswehr - auch aus den Lagern. "Das können sie nicht verhindern, das nehmen wir auch so hin", stellt der Sprecher fest. Man sei gegen "Zensur der Soldaten".

Blogger lassen sich nicht halten

Die Bedeutung der Youtube-Beiträge erscheint den Verantwortlichen im Bendlerblock offenbar nicht groß. Gestützt wird diese Einschätzung von einer Befragung durch das Sozialwissenschaftliche Institut der Bundeswehr. Die Forscher haben festgestellt, dass 90 Prozent der Bevölkerung die Truppe nie oder seltener als einmal im Monat über Webseiten-Einträge wahrnehmen. Wie stark die Taliban Videos von Bundeswehr-Einsätzen auf Youtube nutzen, steht in der Analyse nicht.

Dass es aber ohnehin kaum möglich ist, entschlossene Blogger aufzuhalten, hat der Fall Colby Buzzell gezeigt. Als die US-Armee bekannt gegeben hatte, sie werde die Verfasser von Online-Tagebüchern kontrollieren, erschien Buzzells Buch "My War: Killing Time in Iraq". Es war aus einem Blog entstanden und wurde in sieben Sprachen übersetzt. Der Staabschef des französischen Heeres hat im Sommer dennoch in einer Direktive angeordnet, Soldaten sollten mit sensiblen Informationen in öffentlichen Tagebüchern äußerst vorsichtig umgehen. Bei der Bundeswehr gibt es neben der allgemeinen Verpflichtung, der Truppe nicht zu schaden und keine Dienstgeheimnisse preiszugeben, keine speziellen Regelungen.

Seiten wie Youtube, Myspace oder StudiVZ, wo die Soldaten ihre Afghanistan-Eindrücke verbreiten, würden laut Verteidigungsministerium nicht systematisch kontrolliert. Allerdings sei ermittelt worden, als der Verdacht bestand, jemand habe Bilder einer Überwachungskamera ins Netz gestellt. Künftig will die Bundeswehr aber ihr eigenes Angebot verstärken. Auf der Homepage, wo jetzt schon über den Isaf-Einsatz und die Anschläge informiert wird, soll eine neue Rubrik entstehen: "Das Einsatzvideo der Woche". Darin könnte gezeigt werden, wie die deutsche Truppe die afghanische Zivilbevölkerung unterstützt. Klingt ein bisschen nach Trooptube.

Autor:  JOHANNES GERNERT
Datum:  6 | 12 | 2008
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