Aktuell: Trauer um Claudia Michels | Pegida | Flucht und Zuwanderung | Fußball-News | Eintracht Frankfurt

Medien

12. Februar 2011

TV-Kritik: Gottschalk gibt „Wetten, dass…“ auf

 Von Harry Nutt
Thomas Gottschalk verabschiedet sich von "Wetten, dass...?"Foto: dpa

In gravitätischer Gefasstheit schreitet Thomas Gottschalk zum berühmten Sofa. Im Sommer ist Schluss, sagt er. Ein Raunen geht durchs Publikum. Es ist das Ende einer unendlichen Geschichte

Drucken per Mail

In gravitätischer Gefasstheit schreitet Thomas Gottschalk zum berühmten Sofa. Im Sommer ist Schluss, sagt er. Ein Raunen geht durchs Publikum. Es ist das Ende einer unendlichen Geschichte

Der Boulevard und die Online-Medien funkten am Sonnabend Alarm. Thomas Gottschalk quittiert nach fast 25 Jahren den Dienst bei „Wetten, dass…“. Er wolle das aber nicht über die Medien sagen. Das sei eine Sache zwischen ihm und seinem Publikum. So erschafft man sich seine Fernseh-Intimität, alle anderen geht es nichts an. Life ist live. (Hier seine Abschiedsworte als Video)

Dabei war allen klar, dass Gottschalk eine ernste Mitteilung zu machen hatte. In der letzten „Wetten, dass...“-Show war der 23-jährige Kandidat Samuel Koch bei einer Stunt-Wette schwer gestürzt. Er ist seither querschnittsgelähmt und macht nur langsam gesundheitliche Fortschritte. Erst vor wenigen Tagen hat Gottschalk ihn in der Reha besucht. Samuel lässt grüßen, berichtete der Moderator.

Thomas Gottschalk plagt seit dem Desaster mit den Powerisern jedoch das Gefühl, nicht einfach so weitermachen zu können wie bisher. Zwar hatte eine Untersuchungskommission die Verantwortlichen von „Wetten, dass…?“ weitgehend von Schuld und Versäumnissen entlastet. In der Medienwelt aber hat sich das Gefühl verfestigt, dass die beschwingte Samstagabend-Unterhaltung und sein über Jahrzehnte Sorglosigkeit ausstrahlender Moderator ihre Unschuld verloren.

Thomas Gottschalk spürte einen Schatten auf sich lasten, „der es mir schwer machen würde, jemals wieder zu der guten Laune zurückzufinden, die Sie mit Recht von mir erwarten.“ Die Exit-Strategie eines Show-Titanen. Seit dem Unfall des Samuel K. liegt der Makel der Schicksalsanfälligkeit über Deutschlands erfolgreichstem Medienprodukt, der Einbruch des Unglücks in die so sorgsam abgeschirmte Heiterkeitsfabrikation.

Leben nach „Wetten, dass…?“

Thomas Gottschalk schritt denn auch in gravitätischer Gefasstheit zur Mitte des berühmten Sofas. Erst mal hinsetzen. Nicht sofort, aber mit der großen Sommershow auf Mallorca, so teilte er mit, werde er die Sendung beenden, der er die besten 25 Jahre seines Lebens zu verdanken habe.

Ein Raunen ging durchs Publikum in Halle. Das hätte der Beginn einer pathosgesättigten TV-Selbstreferenz werden können. Laut Plan der Senderegie konnte es aber nur bedeuten, die Sensationsmeldung als beiläufigen Augenblick darzustellen. Schließlich warteten Naomi Campbell und Robbie Williams in der Kulisse, Stars in der TV-Manege, mit sich selbst beschäftigt. Die eben erst wieder vereinte und in die Jahre gekommene Boygroup Take That hatte auf ihren Auftritt schon in der nach Samuel Kochs Unfall abgebrochenen Sendung verzichten müssen. Und so waren Thomas Gottschalk und Michelle Hunziker nach der fernsehhistorischen Eröffnung und entgegen der Ankündigung darum bemüht, so weiter zu machen, als sei nichts gewesen. Das Ehepaar Liefers/Loos und die Frisbee-Wette. Hinterm Horizont geht’s weiter, singt dazu das Ensemble des gleichnamigen Musicals im Chor mit Udo Lindenberg.

Ein bisschen kann man sich die Zukunft von „Wetten, dass…?“ wohl auch mit Hilfe des Lindenberg-Modells vor Augen führen. Der näselnde Rockstar tritt seit geraumer Zeit nur noch als Abbild seiner eigenen Legende auf. Den Rest haben längst die Udo-Klone übernommen. Sie singen seine Lieder und erzählen die Geschichte vom Mädchen aus Ost-Berlin und dem Mauerfall. So oder anders darf man auch für Thomas Gottschalk annehmen, dass es ein Leben nach „Wetten, dass…?“ geben wird. Der tragische Unfall ist mehr Anlass als Grund für die Endlichkeit einer unendlichen Geschichte.

„Please stay, don´t leave“

Weil Gottschalk die Nachricht von seinem Abschied bei „Wetten, dass…?“ nicht als tragischen Moment dargestellt wissen wollte, ließ er sich denn auch von Jan-Josef Liefers dazu verleiten, ein mögliches Gesangsduett von Liefers/Loos in einer späteren Sendung zu präsentieren. Und das kann dauern. Der angekündigte Abschied als aufgeschobener Abschied? Das ZDF war später bemüht zu erklären, dass es „Wetten, dass…?“ in Zukunft ebenso geben werde wie ein neues Sendeformat mit Thomas Gottschalk. Aufhören auf Probe.

Der Rest der Sendung verlief wie gewohnt. Peinlichkeitsresistente Nerds präsentierten ihre einzigartigen Kunststückchen. Sie schraubten Glühbirnen mit den Füßen in ihre Fassungen und schnipsten mit dem Ohr Kronkorken von Bierlaschen ins Glas. Naomi Campbell verließ hektisch, aber vertragskonform das Sofa, als müsse sie schnell mal wohin und rief Gottschalk noch zu: „Please stay, don´t leave.“

So denkt wohl auch ein Großteil des Publikums. „Wetten, dass…?“ präsentiert uns Freaks und erklärt sie zu Normalos – oder umgekehrt. Es ist allzu verständlich, dass einer wie Gottschalk mal aus der Nummer raus will. Aber „Wetten, dass…?“ wird es wohl nur mit ihm geben. Gottschalk und das ZDF haben den Abschied von einer längst unwahrscheinlich gewordenen Erfolgsgeschichte ins Auge gefasst. Politiker fliehen aus Ämtern, Finanzexperten verlassen die Banken. Gottschalk hört auf. Und macht doch irgendwie weiter. Fernsehen kennt kein Weltenende.

Zur Homepage

Jetzt kommentieren

comments powered by Disqus
Medien
Talkshow-Kritiken auf einen Blick
Filmtipps
TV-Kritik
Quiz
Tatort-Logo

Seit 40 Jahren gibt's fast jeden Sonntag im Fernsehen Mord und Totschlag. Mit dem Tatort beweist das öffentlich-rechtliche Fernsehen immer wieder seine Leistungsfähigkeit. Was wissen Sie über die Krimi-Reihe? Testen Sie's!

Videonachrichten Leute
Kino: Neustarts
Film

Die Filmwoche: Was läuft wann in welchem Kino? Alle Neustarts, alle Filme, alle Kinos, alle Zeiten.