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Medien

21. März 2013

„Unsere Mütter, unsere Väter“ im ZDF: Weltkrieg "noch einmal, ganz anders"

Nah an den Figuren, hart und schonungslos in der Darstellung: Szene aus dem dritten Teil von „Unsere Mütter, unsere Väter“.  Foto: zdf/David Slama

Am Mittwoch lief der dritte und letzte Teil von „Unsere Mütter, unsere Väter“ im ZDF. Bis zu sieben Millionen Zuschauer haben den radikalen und höchst umstrittenen Film über fiktionale Begebenheiten während des zweiten Weltkrieg gesehen - weniger als erhofft.

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Am Mittwochabend lief der dritte und letzte Teil von „Unsere Mütter, unsere Väter“ im ZDF. Sechs bis sieben Millionen Zuschauer haben den Film gesehen, der für viele Diskussionen sorgte: Über den Zweiten Weltkrieg und die Verstrickung der Deutschen an sich, aber auch über die fiktionale Umsetzung und die schonungslose Darstellung des Krieges. Für das ZDF hat Fiction-Chefin Heike Hempel den Film redaktionell betreut.

Frau Hempel, die drei Teile von „Unsere Mütter, unsere Väter“ wurden von sechs bis sieben Millionen Zuschauern gesehen. Hatten Sie sich mehr erhofft?

Ich habe mich über die Zuschauerresonanz sehr gefreut! Es ist wunderbar, wenn man mit einem so radikalen und neuen Programm zu dem heikelsten Kapitel deutscher Geschichte über sieben Millionen Zuschauer vor dem Fernseher versammeln kann. Außerdem haben sehr viele junge Zuschauer eingeschaltet.

Hatten Sie eine Vorgabe, welche Quote so ein Großprojekt bringen muss, um als Erfolg zu gelten?

Nein. Als öffentlich-rechtlicher Sender sind wir zu zwei Dingen verpflichtet: Qualität und Innovation. Dass wir damit ein breites Publikum erreichen wollen, versteht sich von selbst. Aber die Quote ist für mich und das ZDF nur eines von mehreren Kriterien.

Mit 14 Millionen Euro ist es der teuerste ZDF-Film aller Zeiten. Fürchten Sie eine Gebührenverschwendungsdebatte?

Im Gegenteil. Da sage ich jedem: Dafür geben wir Ihr Gebührengeld aus. „Unsere Mütter, unsere Väter“ ist für mich ein genuin öffentlich-rechtliches Projekt.

Worum ging es Ihnen mit dem Dreiteiler?

Unser Ziel war es, den Dialog zwischen den Generationen und in der Familie anzuregen. Wenn wir es schaffen, die Leerstelle des Schweigens, die es in vielen deutschen Familien zum Thema Zweiter Weltkrieg gibt, etwas zu lüften, dann ist dieser Film für mich und das ZDF ein Fernsehereignis im besten Sinne.

Die fiktionale Beschäftigung mit dem Zweiten Weltkrieg ist ja für das ZDF nichts Neues.

Das ZDF hat eine erfolgreiche Tradition im fiktionalen historischen Erzählen. Die Mehrteiler sind hier unsere Königsdisziplin. Fiktional historisch zu erzählen, speziell zum Thema Zweiter Weltkrieg, ist meiner Ansicht nach die vornehmste Aufgabe öffentlich-rechtlicher Produktionen. Hier müssen wir Exzellenz beweisen und unser Bestes geben.

Sie haben auch schon das Weltkriegsdrama „Dresden“ für das ZDF betreut. Wie hat sich das Genre seitdem entwickelt?

Zur Person

Heike Hempel wurde 1965 in Kassel geboren. Sie hat Theater-, Film- und Fernsehwissenschaft studiert. Bevor sie 1999 zum ZDF ging, hat Heike Hempel bei Studio Hamburg und beim WDR gearbeitet.

Im ZDF hat sie die Redaktion „Das kleine Fernsehspiel“ geleitet und war u. a. für den Zweiteiler „Dresden“ (2006) verantwortlich. Seit 2008 ist sie Hauptredaktionsleiterin Fernsehfilm/Serie.

„Dresden“ war seinerzeit ein Tabubruch. Die Art und Weise, wie wir damals vom Zweiten Weltkrieg und vom Nationalsozialismus erzählt haben, gab es vorher so noch nicht – als Melodram, populär erzählt und nicht didaktisch. „Unsere Mütter, unsere Väter“ geht noch einen Schritt weiter: Wir wollten den Zweiten Weltkrieg noch einmal, aber ganz anders erzählen: Nah an den Figuren, hart und schonungslos in der Darstellung. Wir wollten konsequent aus der Perspektive der damals 20-Jährigen erzählen und gleichzeitig den Dreiteiler so machen, dass er den Sehgewohnheiten der heute 20-Jährigen entspricht.

Der Film erinnert in seiner Darstellung des Krieges durchaus an amerikanische Serien. Gab es Vorbilder?

Sicherlich „Band of Brothers“, und auch die serielle amerikanische Erzählweise generell.

Vergleich mit US-Serien

In der anhaltenden Diskussion über das deutsche Fernsehen wird ja gern auf die paradiesischen Zuständen in den USA verwiesen, und da besonders auf die Serien, die so ganz anders sind als das Fernsehen hierzulande.

Der Vergleich zwischen dem deutschen und dem amerikanischen Fernsehen überzeugt mich nicht. Er lässt außer Acht, dass wir wichtige historische Themen eben nicht seriell erzählen, sondern in Mehrteilern. Dass wir unsere Qualität – hauptsächlich immer noch – über das Format der Fernsehfilme erreichen.

Aber diese tollen US-Serien!

Ja, da haben Sie recht, es gibt fantastische amerikanische Serien. Aber ich habe die Freude, jedes Jahr nach Los Angeles zu den May Screenings der Studios zu fahren. Sie glauben gar nicht, was für langweilige Tage man in L. A. haben kann. Noch eine Polizeiserie, noch eine Anwaltsserie, mal mit mehr Action, mal mit weniger Action. Hier sieht man das ganz normale Mittelmaß einer ängstlich kalkulierenden Branche.

Katharina Schüttler spielt Greta. Foto: dpa

Sie halten die Diskussion über den Zustand des deutschen Fernsehens für überflüssig?

Nein, man muss nur sehr genau die Systeme vergleichen. Möchten diejenigen, die diese Serien preisen und das deutsche Fernsehen nicht kennen, aber beurteilen, wirklich in einer Mediengesellschaft leben, in der das Fernsehen die Lager spaltet, statt ein Ort zu sein, an dem Demokratie stattfindet?

Gibt es aber nicht auch im deutschen Fernsehen eine größer werdende Kluft, zum Beispiel zwischen öffentlich-rechtlichen und privaten Sendern? Letztere haben sich – bis auf wenige Ausnahmen – von innovativen Eigenproduktionen mehr oder weniger verabschiedet.

Nun, ich kann natürlich nur für die Öffentlich-Rechtlichen und hier insbesondere für das ZDF sprechen, aber ich glaube schon, dass im deutschen Fernsehen, zumindest was die Fiktion betrifft, das Kreativzentrum nicht in Unterföhring liegt, sondern in Mainz und bei den ARD-Anstalten.

Aber genau das wird ja auch an ARD und ZDF kritisiert, dass sie zu sehr auf Sicherheit gehen und immer mehr vom Gleichen machen.

Wenn Sie Fernsehen schauen, dann werden Sie vielleicht wissen, wie lebendig und vielfältig unser Angebot ist. Ganz nebenbei zeugt es auch von Selbstbewusstsein und Mut, den ersten Teil von „Unsere Mütter, unsere Väter“ an einem Sonntag um 20.15 Uhr ins Schaufenster des Programms zu stellen.

Das Gespräch führte Björn Wirth.

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