Hans-Wolfgang Jurgan muss einiges ertragen können. Ständig hagelt es Kritik, Spötter nennen ihn "Schnulzenfabrikant", seine Arbeit eine "Süßstoffoffensive" - da könnte man schon mal aus der Haut fahren. Doch was macht Jurgan? Er lächelt. "Ach wissen Sie", sagt er mit gefalteten Händen und weiß genau, dass man es weiß, "der Erfolg gibt uns ja recht". Und weil sein Lächeln so mild ist, so arglos, so fest, wird klar: Dieser Mann liebt, was er tut. Man kann also über den Geschäftsführer der "Deutschen Gesellschaft Ton und Film", kurz: Degeto, sagen, was man will: Er steht glaubhaft zu seiner Firma, ihrer Ware. Die einen sagen dazu Schmalz, die anderen Gefühlsfernsehen.
Die Filme tragen Titel wie "Schaumküsse", "Wer zu lieben wagt" oder "Hüttenwirtin": Film gewordene Schlager mit dem Tiefgang von Styroporplatten. Nur: Weniger als fünf Millionen Zuschauer sehen eben selten zu, wenn die Frankfurter Degeto Film ihr Abendentertainment unters TV-Volk rührt. Auch wenn das Publikum die 60 im Schnitt überschritten hat.
Und für Erfolg wie Imageproblem ist dieser in sich ruhende Fernseh-Verwalter aus der Beamtenstadt Wiesbaden zuständig. Betulich, bieder, sittenstreng - ein ergrauter Endfünfziger mit Gewerkschafterbart und Randlosbrille. Sie passen gut zueinander, der examinierte Volkswirt und die ARD-Tochter, das öffentlich-rechtliche Urgestein und seine zentrale Einkaufsorganisation für Formate jeder Art.
Seit 1954 akquiriert die 26 Jahre ältere Degeto das Erste Programm, und als Jurgan 1991 dazustößt, hat er bereits 14 Jahre Kanalarbeit in den Knochen: Redaktion, Krimikommission, Programmplanung. Einer Wühlmaus gleich hat sich der Filmexperte durch die Instanzen gegraben, um nicht nur körperlich zum Schwergewicht aufzusteigen, das zuletzt 394 Millionen Euro Jahresetat und 65 Mitarbeiter verwaltet hat. "Gremien sind nun mal wichtig", sagt er. In Regeln, Kontrollmechanismen, Verfahrensabläufen sehe er "eine tiefere Sinnhaftigkeit."
Und sei es nur die, seine Angebote zu exekutieren. Der Freitagabend zum Beispiel, drei Jahrzehnte lang Ort in- wie ausländischer Filme mit Anspruch, wurde unter Jurgans Ägide zum Sendeplatz für heimische Schonkost, die der Bundesverband Regie als "Schmonzetten aus einem dramaturgischen Einheitsbrei" schilt. Jurgan nennt die Mischung aus kosmopolitischer Anbiederung und ökonomischem Pragmatismus ein "mainstreamiges" Programm. "Wir pilcherisieren nicht, wir kolorieren".
Wertbewusster Familienvater
Und zwar jährlich an die 2800 Stunden allein im Ersten. Da all die Wiederholungen in den Dritten zudem fast dreimal so viel Zeit in Anspruch nehmen, kam der Senderverbund 2008 auf 443 Tage Degeto-Programm. Gut, deren Logo pappt auch auf TV-Perlen wie "Modadischu", Kinostoffen wie "Untergang" und "Buddenbrooks" oder rund 200 ausländischen Lizenzankäufen pro Jahr.
Aber der Hauptberitt von Jurgans Geschäft aus Ko-, Eigen-, Postproduktion, Distribution und Christine Neubauer bilden Filme à la "Schaumküsse", mit dem er auf die Romanzendrüse drückt. Niemand verkörpert Jurgans Rezept besser als das "Vollweib" Neubauer; es entspricht dem dramaturgischen Credo des wertebewussten Familienvaters: Beruflich eigenständig, tauscht sie Karriere gegen Kind und Kegel, sobald der Traummann dreimal zwinkert. "Wir machen eben weibliches Fernsehen", sagt Jurgan und erinnert zugleich an maskulinere Importkracher vor seiner Zeit: Magnum, Kojak, Miami Vice.
Doch seit Jurgan die Degeto-Zügel führt, laufen US-Serien eher bei den Privaten. Persönlich möge er sie zwar, sagt der Programmmacher aus Passion, "aber es passt derzeit nicht ins Schema". Anders als "Geld.Macht.Liebe". Die baugleiche Eindeutschung des einstigen Degeto-Einkaufs "Dallas" sehe er jeden Montagabend am medialen Lagerfeuer der alten Republik. Denn auch seine Kinder seien dabei. Das wären, wenn´s stimmt, dann schon mal vier Degeto-Zuschauer zwischen 16 und 27. Immerhin.
Manchmal sind es die kleinen, schönen Dinge am Rande, die beeindrucken. Die zeigen wir in unseren Bildern des Tages.