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"Zuverlässig, XV/992/82, Junior"

ARD-Größe Bernhard Wabnitz soll IM gewesen sein, doch entscheidende Belege fehlen

Bei Stasi-Verdacht sollten alle auf der Hut sein.
Bei Stasi-Verdacht sollten alle auf der Hut sein.
Foto: ddp

Am 5. November titelte der Springer-Konzern in seiner Welt: "Stasi-Verdacht im Ersten". Wenige Tage zuvor war in der Birthler-Behörde eine Deckkarte aufgetaucht, nach der Bernhard Wabnitz, in den Neunzigern Chef der "Tagesschau" und heute Reporter der ARD in Rom, einst vom DDR-Geheimdienst als Inoffizieller Mitarbeiter (IM) "Junior" geführt wurde. Doch dieser Fall ist ganz und gar nicht so klar, wie er scheint.

Was sagen die Akten? Die Stasiunterlagen-Behörde unweit des Berliner Alexanderplatzes hat zum IM "Junior" bisher insgesamt 51 Seiten gesichert. Die Deckkarte führt unmissverständlich Wabnitz als Klarnamen, der in der fraglichen Zeit, also in den Achtzigern, zunächst politischer Redakteur des Bayerischen Rundfunks und später Chef des ZDF-Studios München war. Sein journalistisches Handwerk lernte er bei der Katholischen Nachrichtenagentur.

Ein Freund des DDR-Regimes?

Nach dem Fall der Mauer war er Leiter der "Tagesschau". Unter dem Decknamen und der Register-Nummer XV/992/82 sind gut ein Dutzend Eingänge von IM-Protokollen verzeichnet. Als Quelle ist in den elektronischen Eingangsbüchern stets vermerkt: "Zuverlässig, XV/992/82, Junior". Der soll unter anderem über "die Situation in der CSU und deren Haltung zu aktuell-polit. Fragen im Vorfeld der Landtagswahl am 12.10.86 in Bayern" reportiert haben, aber auch Vorgänge in der katholischen Kirche, wie die Wahl Karl Lehmanns zum Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz (1987). Interna aus der ARD hat "Junior" den DDR-Schnüfflern nach derzeitiger Aktenlage aber nicht anvertraut.

Der Statistikbogen des IM "Junior" weist diesen übrigens als Mieter in München aus, der neben Englisch auch Italienisch spricht und als Redakteur beim Bayerischen Rundfunk arbeitet. Außerdem ist "Junior" der "Situation I" zugeordnet. Will heißen: Für den Fall, dass die beiden deutschen Staaten ihre diplomatischen Beziehungen eingestellt hätten, wäre der West-IM bei der Stange geblieben. Und "Junior" soll auf ideologischer Basis angeworben worden sein; das würde bedeuten: Er war ein Freund des DDR-Regimes.

Was sagen die Akten nicht? Der Auslandsgeheimdienst der DDR, die Hauptverwaltung Aufklärung (HV A), hat vor der Wende leider viele Dokumente vernichtet. Die Akte des IM "Junior" enthält deshalb bisher nur die Deckkarte, den Statistikbogen, stichwortartige Eingangs- und Ausgangsnotizen und einige wenige Zwischenprotokolle, die von Stasi-Mitarbeitern auf Grundlage mehrerer IM-Protokolle verfasst wurden. Die tatsächlichen "Junior"-Berichte fehlen also ebenso wie eine Verpflichtungserklärung des West-Mitarbeiters.

Warum ist das ein Problem? Angesehene Forscher wie Jochen Staadt vom Forschungsverbund DDR-Staat der Freien Universität Berlin sind "sehr skeptisch", was den Fall Wabnitz angeht. Denn er könnte genauso gut abgeschöpft worden sein. Dann wäre ein Bekannter IM gewesen und hätte ohne Wissen Wabnitz' dessen Informationen aus Gesprächen oder Schnüffeleien in seinen Unterlagen an die Stasi weitergereicht.

Zwar sind in diesem Fall die Eingänge in Stasi-Unterlagen meist anders codiert, aber ausgeschlossen ist das nicht: Die Stasi hat allerhand seltsame Dinge gemacht, auch im eigenen Haus. Außerdem ist vorstellbar, dass jemand Wabnitz als IM angelegt hat, ohne dass die Stasi Wabnitz überhaupt groß unter Beobachtung hatte.

Es gilt die Unschuldsvermutung

Für diese Theorie sprechen die bisher bekannten Zwischenprotokolle, die keinerlei wirklich brisante Informationen enthalten, die nur ein ausgewählter Kreis von Politik- oder Kircheninsidern hätte erfahren können. Vielmehr hätte jemand in der Stasi die Westpresse auswerten und die "Junior"-Berichte vortäuschen können, um vor Kollegen zu prahlen. Überprüfen hätte das keiner können.

Was geschieht nun? Wabnitz wurde vom BR, seinem Sender, nicht suspendiert. Aus seinem Umfeld ist zu hören, er erwartet dieser Tage die Einsicht in seine Akte. Er selbst hat über seinen Münchner Anwalt erst einmal mitteilen lassen, dem DDR-Geheimdienst nicht "wissentlich und / oder willentlich" zugearbeitet zu haben. Und von Springers Welt will er 100 000 Euro haben, weil sein Ruf geschädigt worden sei. Ob Wabnitz Täter war, der Stasi also aktiv zugearbeitet hat, oder Opfer, also entweder abgeschöpft oder gar nur fiktiv geführt wurde, lässt sich derzeit in den Akten nicht zweifelsfrei erkennen. Damit gilt zunächst die Unschuldsvermutung. Wie in vielen solcher Fälle fehlen auch hier entscheidende Unterlagen. Gut möglich also, dass der Fall um den IM "Junior" nie endgültig geklärt werden kann.

Autor:  DANIEL BOUHS
Datum:  15 | 11 | 2008
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