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01. Oktober 2012

15 Jahre "Hallo Deutschland": Weg mit "Hallo Deutschland"

 Von Peer Schader
Steffen Seibert, hier mit Marina Ruperti, hat die Sendung einst geleitet.  Foto: ZDF

Seit 15 Jahren läuft das Unfallmagazin „Hallo Deutschland“ im ZDF und bereitet Massenkarambolagen und schlimmen Verkehrsunfällen eine Bühne. Höchste Zeit, das Kabinett an Widerwärtigkeiten endlich einzustellen.

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Die vergangene Woche war ziemlich anstrengend für die Redaktion der ZDF-Sendung „Hallo Deutschland“: eine Messerattacke im Jobcenter, eine Karambolage auf der Autobahn, ein schwerer Sturm, diverse Brände – soviel Unglück muss man erst mal in die paar Minuten Sendezeit quetschen.

Aber Ingo Nommsen kennt das schon. Am Donnerstag stand er in der roten Kulisse des ZDF-Katastrophen- und Unfallmagazins, sagte nach dem Vorspann lächelnd: „Hallo Deutschland“, und dann sofort mit ernster Miene: „Es ist kurz nach Mitternacht, als auf der A 40 in Brandenburg ein schwerer Lkw in einen Reisebus kracht. Die Fahrerkabine des Lasters schiebt sich in den Bus, in dem zu diesem Zeitpunkt 60 Schüler sitzen.“ Dann läuft der Film, für den ein Kamerateam die Unfallstelle noch in der Nacht von allen Seiten abgefilmt hat: den eingedrückten Bus, die aus dem Straßengraben steigenden Schüler, die völlig zerstörte Fahrerkabine des Lkw, aus dem die Rettungskräfte gerade die beiden Insassen rauszuschneiden versuchen. Vergeblich, wie der Reporter weiß: Beide waren augenblicklich tot.

Alte Unfälle wieder aufwärmen

Dann erinnert er daran, dass vor zwei Jahren hier ein ganz ähnliches Unglück passiert ist, auch mit einem Bus, aber mehr Toten, und das ist eine schöne Gelegenheit, noch mal den Crash von damals zu zeigen, inklusive einem Sarg, der von der Unfallstelle weggetragen wird.

So sieht der Alltag aus in einem Magazin, das der stellvertretende ZDF-Chefredakteur Elmar Theveßen dafür lobt, dass es „immer ganz nah dran ist an den Menschen“. Und zwar auch noch, wenn sie gerade mit dem Leichenwagen abtransportiert werden – oder von Helfern mit Tüchern abgedeckt, wie bei dem Unfall in Karlsruhe, wo ein Autofahrer in eine Haltestelle raste.

Kuriose Gesichtsverrenkungen

An diesem Montag feiert „Hallo Deutschland“ seinen 15. Geburtstag. Der war eigentlich schon im Juni, aber da weilte Hauptmoderatorin Yvonne Ransbach noch in Babypause. Jetzt ist sie wieder da, obwohl das auch keinen Unterschied macht, denn wie ihre Vertretungen Ingo Nommsen („Volle Kanne“) und Sandra Maria Maier („Leute heute“) ist es beim Moderieren dieser Sendung die größte Herausforderung, abwechselnd sehr heiter oder sehr betroffen zu schauen – je nachdem um welches Thema es geht.

Manchmal führt das zu kuriosen Gesichtsverrenkungen: „Unfälle, an denen Traktoren beteiligt sind, häufen sich in dieser Jahreszeit“, sagt Meier vergangene Woche, dann läuft ein Film über einen Unfall mit einem Traktor, „die Polizei mahnt zur Vorsicht“, Meier ist wieder im Bild und zieht eilig eine Betroffenheitsmine, um für die darauffolgende „Heldin der Autobahn“ augenblicklich ihr Lächeln anzuknipsen: eine Rentnerin hat ein Reisebusunglück verhindert, indem sie für die ohnmächtige Fahrerin eingesprungen ist. Auch gut.

Einst unter der Leitung des heutigen Regierungssprechers Steffen Seibert als Ländermagazin mit regionalen Themen gestartet, hat sich „Hallo Deutschland“ im Laufe der Jahre zu einer Sendung entwickelt, deren Regionalität sich allenfalls noch im ausgelaufenen Benzin auf deutschen Autobahnen spiegelt.

Wettstreit mit Brisant

Fast 40 Redakteure arbeiten montags bis sonnabends im Wettstreit mit „Brisant“ daran, ihrem Publikum am Nachmittag zu erklären, von welchen Katastrophen es heute verschont geblieben ist. Kein Privatsender würde sich das auch nur annähernd in dieser Ausführlichkeit trauen. Zum Ende der Sendung wird es versöhnlicher, mit einem Promiporträt oder eine kuriose Behördenschikane, nach der die Moderatoren den Kopf schütteln und sagen: „Da kann man nur den Kopf schütteln.“

„Hallo Deutschland“ recycelt uralte Service-Berichte über „Abzockopfer“ und mag auch nicht auf Knöllchenausteiler und Autobahnpolizisten verzichten. Theveßen nennt die Redaktion eine „unermüdliche Kreativwerkstatt“ und erklärt: „Wer hätte gedacht, dass sich das Zweite Boulevard traut – ohne Hemmung, frech, aber gleichzeitig doch anspruchsvoll?“

Mit der Hemmungslosigkeit hat er ja recht. Aber wo bitte versteckt sich der Anspruch? Vielleicht in dem Beitrag über einen Tornado in Norddeutschland, der – wie die Wetterexpertin erklärt – womöglich gar keiner war, was die Reporterin aber nicht davon abhält, sich auf ein Feld zu stellen und aufgeregt zu berichten: „Das sind Teile des Dachs, den der Tornado von einem Schweinestall heruntergerissen hat!“ Redaktionsleiterin Swea Schilling findet, dass „wir Fernsehleute“ eine „große Verantwortung den Menschen gegenüber [haben], die Gegenstand unserer Geschichten sind“. Gerade im Boulevard müsse es „extra große Sorgfalt“ geben.

Kabinett an Widerwärtigkeiten

Wie diese Sorgfalt aussieht, ließ sich in der vergangenen Woche beobachten, als Ingo Nommsen mit der Reporterin sprach, die bei der Polizei-Pressekonferenz in Flensburg war, bei der es um das Geständnis einer übergewichtigen Frau ging, die fünf Säuglinge alleine auf die Welt gebracht und getötet hatte, ohne dass ihr Ehemann davon wusste. Die Polizei hielt das für glaubwürdig. Die Reporterin nicht: „Ich muss ehrlich sagen, ich kann das nicht verstehen. Ich finde, der Ehemann hätte doch etwas mitbekommen müssen!“

Es ist ganz und gar unbegreiflich, wie ein öffentlich-rechtlicher Sender ein solches Kabinett der Widerwärtigkeiten ausstrahlen kann, ohne sich täglich dafür rechtfertigen zu müssen. Schlimmer noch: Magazine wie „Hallo Deutschland“ und „Brisant“ sorgen durch ihre bilderreiche Berichterstattung über Karambolagen und schlimme Verkehrsunfälle erst dafür, dass es überhaupt einen Markt für diese Sensationsaufnahmen gibt. Und dafür will sich das ZDF jetzt auch noch feiern lassen? Da kann man nur den Kopf schütteln.

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