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3SAT: Wie ein Zettelkasten

Kulturkanal der ersten Stunde: Der Dreiländersender wird ein Vierteljahrhundert alt. Aus der gewollten Unordnung ist eine eigenwillige Ordnung entstanden. Von Klaudia Wick


Foto: Screenshot

Es ist ein Sender wie ein Zettelkasten: Jeder wirft etwas hinein, das woanders noch nicht oder nicht mehr Platz findet. Und so ist mit den Jahren aus der Unordnung eine eigenwillige Ordnung entstanden: 3 Sat, das organisatorische Ungetüm aus vier Sendern und drei Ländern, wird heute 25 Jahre alt. Der Sender hat zahllose Programmreformen von ARD und ZDF überstanden, er hat zu Beginn der Neunzigerjahre das DDR-Fernsehen geschluckt und danach den Siegeszug des Privatfernsehens überlebt.

Wer hätte das in den Gründungstagen vermuten können, als der ZDF-Musikkanal als eines von wenigen Ludwigshafener Kabelpilotprojekten gemeinsam mit dem PKS (später Sat.1) aus der Taufe gehoben wurde, als RTL-plus (heute RTL Television) auf Sendung ging und die ARD den Sender EinsPlus (heute längst eingestellt) gründete?

Das 3-Sat-Debüt fand praktisch unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt: Knapp 800 000 Haushalte konnten am 1. Dezember 1984 jene sechsstündige Programmstrecke empfangen, für die das ZDF seinen Musikkanal wieder aufgegeben hatte, um gemeinsam mit dem ORF und dem Schweizer Fernsehen einen Dreiländersender aufzubauen. Einen Sender, der die Erfüllung des wenig populären Kulturauftrags aller drei Sender künftig prächtig würde auffangen können.

Aufgefüllt mit diversen Programmperlen, garniert mit dem einen oder anderen TV-Experiment, wurde hier als Zukunft des Fernsehens verkauft, was überwiegend aus den anderen Kulturbereichen oder aus dem Archiv kam. Es ist schon tragisch, dass ausgerechnet der Digitalsender ZDFneo nun der Zukunft von 3 Sat so zu schaffen macht. Denn auch ZDFneo ist so ein Zukunftsprojekt für eine problematische Zielgruppe - die Jugend. Und es ist zunächst auch Fernsehen ohne große Reichweite: Bislang strahlt ZDFneo seinen bunten Mix aus Wiederholungen und sehenswerten Programmexperimenten nur im eingeschränkt empfangbaren digitalen Bouquet ab.

Aber die Ziele sind ehrgeizig und die Erwartungen hoch: Für das kommende Jahr wird das ZDF den Etat für ZDFneo (bisher ZDF-Doku) von 18,4 auf 41,6 Millionen Euro aufstocken. Im Gegenzug soll sich die Redaktion des Theaterkanals mit den Kollegen von 3 Sat in einer Art Kulturwerkstatt zusammenschließen, um Synergien zu erzeugen, die die Kürzungen des Programmbudgets auffangen.

Im Zettelkasten finden eben viele Konzepte Platz.

Allzu viel Gegenwehr gegen dieses Streichkonzert ist nicht zu erwarten. Denn selbst wenn die 3 Sat-Hits "Kulturzeit" und das Wissenschaftsmagazin "Nano" bis zu 170 000 Zuschauer täglich erreichen, selbst wenn Gerd Scobel mit seinen Diskussionssendungen eine herrliche Heimstatt gefunden hat, bleibt die Länderkette doch ein wenig konturiertes Nischenprogramm, das im Portfolio der Sender letztlich nicht unverzichtbar ist. Das gilt im Übrigen auch für die Nachbarn Österreich und Schweiz.

Wer andererseits den öffentlich-rechtlichen Rundfunk als omnipräsenten und niederschwelligen Kulturvermittler verteidigt, kommt an den TV-Experimenten von 3 Sat nicht vorbei: Endlos ist die Liste jener außerordentlichen Ereignisse, für die der Sender seit Mitte der Neunzigerjahre immer wieder sein Programm frei räumte: Ob das Berliner "Theatertreffen" oder der "Bachmannpreis" in Klagenfurt, ob der Aids-Tag, das "Himmler-Projekt" von Romuald Karmakar oder das Faust-Experiment zur Expo in Hannover, ob die Kant-Woche mit Philosophie zur besten Sendezeit oder der Sendetag "Imperium Romanum" mit einer "Kulturzeit"-Ausgabe in lateinischer Sprache - weit mehr noch als im Programm des deutsch-französischen Kulturkanals Arte finden Kulturfreunde bei 3 Sat jenes Fernsehen, für das sie noch am ehesten die GEZ-Gebühren zahlen mögen.

Obwohl es die Verantwortlichen natürlich gerne anders formulieren, kennt auch 3 Sat so etwas wie Quotendruck. Nur wer populär ist, hat im populären Medium Fernsehen langfristig Bleiberecht. Konkurrenz kommt da auch vom Projekt ZDFneo, das zwar noch im Gewand des digitalen Nischensenders erscheint, in Wahrheit aber ein Vollprogramm für die Unter-fünfzig-Jährigen werden soll. Und so wird eines Tages selbst der schönste Zettelkasten umgedreht, ausgekippt und aufgeräumt. Im 25. Jahr ist es für 3 Sat nicht leichter geworden, mit wenig Geld besonders hochwertiges Fernsehen zu machen.

Autor:  Klaudia Wick
Datum:  30 | 11 | 2009
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