Der Chefredakteur der Welt erklärt, das Zweite Springer-Tribunal müsse abgesagt werden, weil die eingeladenen Vertreter der ´68er-Bewegung sich der Diskussion verweigert hätten. Es hatte darum gehen sollen, die wechselseitigen - gelinde gesagt - Fehleinschätzungen von Studenten- bewegung und Springer-Verlag zu untersuchen und zu korrigieren.
Vielleicht hat der Chefredakteur der Welt ja recht, wenn er schreibt: "Sie haben das Gespräch verweigert! Das soll antiautoritär sein? Es ist armselig, wenn die Anti-Springer-Aktivisten von einst vier Jahrzehnte nach 1968 noch immer am alten Frontdenken festhalten. Eine absurde, traurige Geschichte." Aber die Geschichte wird noch trauriger, noch absurder, wenn man weiß, dass es keine Geschichte zwischen Springer und den ´68ern ist, sondern eine unter ´68ern.
Der Chefredakteur der Welt Thomas Schmid hat einst mit Peter Schneider den italienischen Operaismo - und mit ihm Toni Negri - nach Deutschland gebracht. Er hat Jahre später, als er Lektor bei Wagenbach war, die Diskussion um die Einführung eines Grundeinkommens angefacht. Er ist ein intelligenter umtriebiger Mann.
Er kennt die Herren, die er zum Zweiten Springertribunal einlud, seit Jahrzehnten. Er trifft sie immer wieder. Er telefoniert mit ihnen. Das ist kein Vorwurf. Der Vorwurf ist, er sollte nicht so tun, als habe der Springer-Verlag seine Fehler analysiert, offen gelegt und Schlussfolgerungen daraus gezogen, das "Kollektiv der Neinsager" aber halte einfach an alten Positionen fest.
Niemand weiß, ob wenn es wirklich der Springer-Verlag gewesen wäre und nicht ihr alter Freund Thomas Schmid, wenn also wirklich der Konzern sich bewegt hätte, Peter Schneider, Christian Semler und Daniel Cohn-Bendit nicht vielleicht doch bei einer Podiumsdiskussion mitgemacht hätten. Die könnte ja zum Beispiel in den Räumen der taz stattfinden.
So aber erinnert die Geschichte an Wohngemeinschaftsauseinandersetzungen, wie die Herren sie vor Jahrzehnten schon führten. Das macht die Sache für die Nachgeborenen nun völlig uninteressant. Hinzu kommt: Bei aller Liebe zur ´68er Apo, ohne Günter Wallraff kann man eine Auseinandersetzung um die Rolle des Springerkonzerns bei der Bildung der öffentlichen Meinung nicht führen. Er war aber - so unser derzeitiger Kenntnisstand - nicht zu Springer eingeladen worden.
Die ganze Tribunals-Idee war von Anfang an eine Farce. Nicht weil das Thema uninteressant wäre. Sondern weil es niemals um Selbst-Aufklärung ging. Die Vorstellung der ´68er, die Menschen würden von ihren wahren Interessen abgelenkt und zu Gunsten ihrer Feinde manipuliert, mag vielen heute klingen wie eine Räuberpistole. Das Vokabular erscheint uns ungeschlacht wie aus einem Klassenkampf-Comic. Aber sobald wir über - sagen wir - Berlusconi reden, leben diese Klischees wieder.
Wahrscheinlich stehen Peter Schneider und Cohn-Bendit in vielem den Positionen des Springer-Verlages von einst näher als denen, die sie damals hatten. Gerade darum sollte man die Geschichte den Historikern übergeben. Die ´68er - also auch der Schreiber dieser Zeilen - sind, das haben Zeitgenossen so an sich, denkbar schlechte Analysten ihrer Geschichte. Aber vergessen sollten wir sie nicht. Dazu ist ´68 zu interessant und ein zu schönes Beispiel für Liebe und Revolution in Zeiten der Hochkonjunktur.
Manchmal sind es die kleinen, schönen Dinge am Rande, die beeindrucken. Genau die zeigen wir in unseren Bildern des Tages.