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Abschied von Presseagenturen: Sich selbst geschwächt

Wohin die Reise geht steht in den Sternen: Als im Januar die Essener WAZ-Mediengruppe die Trennung von der dpa verkündete, empfanden die Branche als unsolidarischen Akt - der aber einem Trend folgt.

Zeitungsautomaten in den USA: Immer mehr Zeitungsverlage verzichten auf Agenturmaterial.
Zeitungsautomaten in den USA: Immer mehr Zeitungsverlage verzichten auf Agenturmaterial.
Foto: rtr

Als im Januar die Essener WAZ-Mediengruppe die Trennung von der Deutschen Presseagentur (dpa) verkündete, empfanden das nicht wenige in der Zeitungsbranche als unsolidarischen Akt. Bedeutet das doch die Schwächung eines genossenschaftsähnlichen Unternehmens im Besitz von rund 190 hiesigen Pressehäusern.

Die Diskussion darüber, was solche Entscheidungen langfristig für den Agenturjournalismus bedeuten, wird weitergehen - spätestens wenn die Hessische/Niedersächsische Allgemeine (HNA) ihren probeweisen Verzicht auf dpa-Material beendet hat. Seit einigen Tagen testet das zur Ippen-Gruppe gehörende Blatt, ob sie im Alltag ohne Meldungen von dpa auskommen kann.

In US-amerikanischen Branchenkreisen laufen ähnliche Debatten schon seit dem vergangenen Jahr. Dort ist die Agentur Associated Press (AP), mit ähnlicher Gesellschafterstruktur wie dpa, von den Trennungsbestrebungen der Zeitungen betroffen: 2008 kündigten zahlreiche Regionalblätter wie die Star Tribune aus Minneapolis und The Post Register aus Idaho ihre Verträge mit AP.

Weil aber die Kündigungsfristen relativ lang sind, werden sie erst 2010 wirksam. Und nun wurde bekannt, dass die US-amerikanische Tochter der Gratiszeitungsgruppe Metro, die in den USA drei Blätter herausgibt (in New York, Boston und Philadelphia) seit dem 1. April auf AP verzichtet.

Die Fronten verlaufen in den USA etwas anders als in Deutschland. Der Wille, Kosten zu reduzieren, ist nicht der einzige Aspekt, der eine Rolle spielt. AP, 1846 gegründet, mehr als 100 Jahre vor dpa, hat in den vergangenen Jahren vor allem in Inhalte investiert, die sich weltweit verkaufen lassen - um die Bedürfnisse von Google und Yahoo und anderer globaler Akteure wie CNN und Microsofts Nachrichtenseite msn.com bedienen zu können. Die mittleren und kleinen Tageszeitungen der USA kritisieren, regionale und lokale Angebote von AP seien gleichzeitig schwächer geworden.

Dass AP auf Google und Co. setzt, ist verständlich. Die Einnahmen der Agentur, die im Besitz von Verlagen ist, kommen nur noch zu rund 25 Prozent von Zeitungen. In der aktuellen Ausgabe des American Journalism Review beschreibt Washington-Post-Reporter Paul Farhi eine komplexe Gemengelage: Ohne das Material von AP hätten jene Unternehmen, die im Internet Nachrichten anbieten oder verbreiten, Zeitungen nie so schnell Konkurrenz machen konnten. AP sei gestärkt worden durch Kunden außerhalb des Zeitungsbranche, habe aber die geschwächt, denen die Agentur gehört.

Von den 1200 US-Tageszeitungen, die weniger als 50 000 Exemplare verkaufen, würden kurzfristig "massenweise" AP verlassen, glaubt Post-Register-Chef Plothow. Das hat mit dem vermutlich bevorstehenden Wandel solcher Blätter zu tun. Seine Zeitung werde 2010 zu 80 bis 90 Prozent aus regionalen und lokalen Inhalten bestehen, sagt Plothow. Für Blätter wie das seine sei das die einzige Zukunftsperspektive.

Viele Regionalzeitungen denken darüber nach, sich auf ihre Kernkompetenz vor Ort zu konzentrieren, weil es angesichts der Konkurrenz des Internet keinen Sinn mehr ergibt, nationale und internationale Nachrichten im bisher üblichen Umfang zu berücksichtigen.

Schon Anfang 2007 hat mit dem Norwalk Reflector ein relativ kleines Blatt (Auflage: 9000 Exemplare) seinen AP-Kontrakt gekündigt - weshalb man nun seit einigen Wochen ohne Meldungen der traditionsreichen Agentur auskommen muss. Das habe sich inhaltlich kaum ausgewirkt, sagt Verleger Andy Prutsok gegenüber niemanlab.org, der Plattform eines an der Harvard Universität an-gesiedelten Projekts, das sich mit der Zukunft des Journalismus beschäftigt. Man habe lediglich die Titelseite, auf der man bisher Lücken mit AP-Material gefüllt habe, umbauen müssen.

Als Alternative zu den Angeboten von AP sind vielerorts Kooperationsmodelle entstanden, die es mittelgroßen Tageszeitungen, die in angrenzenden und sich teilweise überlappenden Regionen agieren, ermöglichen, kostenfrei Artikel untereinander auszutauschen. So gibt es das Northeast Consortium, dem fünf Blätter angehören, darunter die New York Daily News, und The Ohio News Organization, an dem acht Zeitungen beteiligt sind. Deren Abkürzung liest sich wie ein Statement zur AP-Politik: OHNO.

Autor:  RENé MARTENS
Datum:  6 | 4 | 2009
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