Der schweigsame Bursche in Christian Petzolds "Jerichow", hart im Nehmen, hart im Austeilen, war als Soldat in Afghanistan stationiert. Wenn im deutschen Fernseh- und Kinofilm das Wort fällt, Afghanistan, klingt es bald so, wie vor langer Zeit im US-Thriller: Korea. Zuhause herrscht Frieden, aber ein paar von uns haben in einem Land weit von hier Schreckliches erlebt. Die Daheimgebliebenen kennen den Namen des Ortes und machen runde Augen, wenn er genannt wird. Aber sie haben keinen blassen Schimmer. Heute vor zehn Jahren - knapp zwei Monate vor Beginn des Kosovo-Krieges - hätte man es noch für einen irren Einfall gehalten, dass bald Drehbücher über Bundeswehrsoldaten mit posttraumatischen Belastungsstörungen geschrieben werden könnten.
Und wie war das Essen?
Die Zeiten haben sich aber geändert. Davon erzählt nun auch "Willkommen zuhause". Das Erschütternde an diesem SWR-Beitrag von Christian Pfannenschmidt (Buch) und Andreas Senn (Regie) ist also erstens, dass es ihn überhaupt geben kann. Zweitens, dass die Daheimgebliebenen denken, es hätte sich nichts geändert. Die Frau von dem Soldaten fragt, wie das Essen in Afghanistan war. Sie will ihm endlich erzählen, dass sie schwanger ist.
Ken Duken spielt den jungen Soldaten, der einen Anschlag überlebt hat. Er ist dabei nicht als Charakterdarsteller gefragt, sondern als wütender Jogger. Er eignet sich zum Jedermann. Bei dem Anschlag kam ein guter Freund des Soldaten ums Leben, dessen Vater, Karl Kranzkowski, ihm und den Zuschauern immer wieder wie eine Kombination aus Richter und Gespenst erscheint. Der junge Mann aber glaubt vorerst selbst, alles sei in Ordnung. Er muss sich nur übergeben, als beim Grillen das Fleisch Feuer fängt. Er haut nur seinen besten Freund zusammen, als der in der Kneipe eine Bedienung belästigt und dabei die Gläser klirren. Eine ohnehin starke Szene: Die Regie, die uns mehrfach darauf aufmerksam macht, dass es in Afghanistan sehr anders ist als in Deidesheim, zeigt eindrücklich, dass es dort aber auch nicht nur schön und friedlich läuft.
Die zweitgrößte Schwäche von "Willkommen zuhause" liegt unterdessen darin, dass das Publikum zugleich ständig belehrt wird: Wie funktioniert eine posttraumatische Belastungsstörung. Wie soll man sich ihr stellen. Wie kann sie therapiert werden. Wie sollte man sich als Mutter eines posttraumatisch belasteten Bundeswehrsoldaten nicht verhalten. Und vor allem: Wie können auch Geschichten, die nicht gut ausgehen können, dennoch gut ausgehen. Die größte Schwäche von "Willkommen zuhause" liegt aber darin, dass der junge Soldat in eine nächtliche Affäre mit Ulrike Folkerts verwickelt wird. Das absurde Szenario scheint vor allem dem Zweck zu dienen, ihr einen ad-hoc-Wechsel ins mütterliche Fach zu ermöglichen. Noch ärgerlicher ist der Gedanke, man habe die Situation durch etwas Erotik aufpeppen wollen. Schwamm drüber.
Merkel in Tarnuniform
Unterm Strich steht jedoch, wie schrecklich wenig es braucht (das klingt zynisch, aber schauen Sie mal die Nachrichten), um einen darauf doch beruflich vorbereiteten Menschen seelisch restlos aus den Angeln zu heben. Wie hat sich die Bundeswehr, wie haben sich die Politiker das gedacht? Am Ende sind sie noch in einigen dokumentarischen Sequenzen zu sehen, wie sie die Auslandseinsätze der Bundeswehr rechtfertigen und unterstützen. Schröder flankiert von Fischer, Struck und sein Hindukusch-Argument, Merkel in Tarnuniform. Das Argument, dass man das alles weiß, zählt wenig angesichts der überzeugenden Ahnungslosigkeit der Figuren.
"Willkommen zuhause",
ARD, 20.15 Uhr.
Manchmal sind es die kleinen, schönen Dinge am Rande, die beeindrucken. Die zeigen wir in unseren Bildern des Tages.