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26. Februar 2014

Antisemitismus Süddeutsche: Keine Antisemiten, nirgends!

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Schon die zweite antisemitische Karikatur in der "Süddeutschen Zeitung".

Die "Süddeutsche Zeitung" hat erneut eine antisemitische Karikatur abgedruckt. Horkheimer und Adorno scheinen recht gehabt zu haben - es ist unmöglich, sich offen zu Antisemitismus zu bekennen, aber die Ressentiments scheinen leider noch immer in der Gesellschaft verankert.

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"Aber es gibt keine Antisemiten mehr.“ In ihren berühmten „Elementen des Antisemitismus“ brachten Max Horkheimer und Theodor W. Adorno gegen Ende des Zweiten Weltkrieges einen Bruch in der langen Geschichte des Judenhasses auf den Begriff: Nach Auschwitz, Treblinka und Sobibor würde es für immer unmöglich sein, sich offen zum Antisemitismus zu bekennen. Dennoch, daran zweifeln Adorno und Horkheimer nicht, werde das antisemitische Ressentiment nicht einfach verschwinden. Der Hass auf die Juden, Reflex des ohnmächtigen Individuums auf die übermächtige Gesellschaft, würde sich neue Formen suchen. Wut, die sich, tabuisiert und deshalb unterdrückt, nicht gegen ihr eigentliches Ziel richten darf. Wut, die sich selbst ihren Hintergrund verleugnen muss. Antisemitismus ohne Antisemiten.

Der Antisemitismus besteht fort

Wer die deutschen Antisemitismus-Debatten der letzten Jahre verfolgt hat – die einzelnen Skandale, die mit unschöner Regelmäßigkeit die Öffentlichkeit beschäftigen, sind mit Namen wie Jürgen Möllemann, Martin Walser, Günter Grass oder Jakob Augstein verknüpft – der weiß, dass die Erkenntnis Horkheimers und Adornos nichts von ihrer Aktualität eingebüßt hat. Der Antisemitismus besteht fort, Umfragen und Hassbriefe an jüdische Gemeinden belegen das ebenso wie Formen des Sprechens über Israel, die sich tradierter antisemitischer Klischees bedienen. Antisemiten jedoch macht die Öffentlichkeit nur aus, wenn der NPD-Politiker Udo Pastörs die BRD als „Judenrepublik“ bezeichnet. Auch die Medien zögern regelmäßig, Antisemitismus als solchen zu benennen. Der Gedanke, dass es ihn immer noch gibt, auch bei Linken und gebildeten Bürgern, ist offenbar schwer auszuhalten. Sogar dann, wenn es in der Sache selbst wenig zu diskutieren gibt.

Kein Detail fehlt: Antisemitismus in der „Süddeutschen“.

So auch im Fall der „Süddeutschen Zeitung“. Das Blatt hat am vergangenen Freitag in Teilen ihrer Auflage eine Karikatur des Zeichners Burkhard Mohr veröffentlicht, die an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig lässt. Weil Facebook den Kurznachrichtendienst Whatsapp gekauft hat, porträtiert Mohr den Facebook-Gründer Mark Zuckerberg als vielarmige Krake, die auf unzähligen Laptops tippt. Kein Detail des alten Bildes vom „internationalen Juden“ fehlt: Mohr hat neben dem klassischen Bild der weltbeherrschenden Krake sogar an die Hakennase, die fleischigen Lippen, das lockige Haar und das lüsterne Grinsen gedacht. Anders gesagt: Wären da nicht die Computer, könnte die Zeichnung direkt dem „Stürmer“ entstammen. Die deutsche Öffentlichkeit hat die Zeichnung bisher kaum zur Kenntnis genommen, lediglich die „Welt“, die „Jerusalem Post“, das Simon Wiesenthal Center und einige Blogger haben die Karikatur als das bezeichnet, was sie ist: Lupenreiner Antisemitismus.

Die Entwicklung des Zionismus wird mit einem gehörnten Monster bebildert

Dabei ist es nicht das erste Mal, dass die Süddeutsche sich gegen entsprechende Vorwürfe wehren muss. Noch vor wenigen Monaten bebilderte die Zeitung Texte über die Entwicklung des Zionismus mit dem Bild eines gehörnten Monsters – und schrieb dazu von allzu günstigen deutschen Waffenlieferungen an Israel. Nach massiver Kritik entschuldigte die SZ sich für die Bildauswahl und versicherte, man werde „sehr darauf achten, dass sich ein solcher Fehler nicht wiederholt“.
Bei Mohrs Kraken-Karikatur muss es immerhin einen aufmerksamen Zeitgenossen gegeben haben, der die Brisanz des Cartoons erkannte und die Druckmaschinen anhalten ließ. Mohr musste seine Karikatur verändern, er ersetzte das Gesicht der Krake durch einen leeren Bildschirm. Die erste Version der Zeichnung hatte es dennoch bereits auf Teile der Meinungsseite einer großen deutschen Zeitung geschafft.
Der Zeichner selbst hat mittlerweile erklärt, es tue ihm leid, „dass es zu diesem Missverständnis gekommen ist und ich womöglich die Gefühle von Teilen der Leserschaft mit meiner Zeichnung verletzt habe.“ Es sei ihm schlicht „nicht aufgefallen“, dass seine Karikatur wie eine antijüdische Hetz-Zeichnung aussehe. Antisemitismus jedenfalls sei ihm völlig fremd. Es steht zu befürchten, dass der Künstler nicht die Unwahrheit sagt: Die nicht reflektierten antisemitischen Stereotype könnten sich unabhängig vom Bewusstsein des Autors ihren Weg ins Werk gesucht haben. Die eindeutige Botschaft bleibt, die Reflektion auf die heutigen Formen des alten Hasses bleibt aus. Keine Antisemiten in Deutschland, nirgends.

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