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Apples iPad: Ein neues Kapitel

Vor etwas mehr als einer Woche hat Apple-Chef Steve Jobs das iPad vorgestellt. Es markiert das Ende einer Ära und wird die Art, wie wir das Internet nutzen, verändern, sagt Marin Majica.

Das iPad soll zwischen 16 und 64 GB Flash-Speicher haben.
Das iPad soll zwischen 16 und 64 GB Flash-Speicher haben.
Foto: getty

Revolutionen fangen meist klein an. Sie beginnen mit feinen Rissen im bekannten Gefüge, diese weiten sich aus, bis sie nicht mehr zu übersehen sind und vielleicht sogar gefährlich werden. Wer eben noch amüsiert die minimale Veränderung zur Kenntnis nahm, steht plötzlich vor einem gähnenden Abgrund.

Vor etwas mehr als einer Woche hat Apple-Chef Steve Jobs das iPad vorgestellt. Seither bemühen sich Beobachter in aller Welt zu bestimmen, was dieser neue Typ Computer ist: eine Revolution des Umgangs mit Daten? Oder eine überbewertete Lachnummer? In den Händen gehalten haben das Wunderwerk bisher nur wenige. Doch man muss die Finger gar nicht auf den berührungsempfindlichen Bildschirm des iPad gelegt haben, um zu ahnen, dass es das Ende einer Ära markiert. Und dass es die Spaltung der Gesellschaft in digitale und vor-digitale Generationen aufheben könnte.

Die feinen Risse im Gefüge, sie zeichnen sich bereits ab. Am Freitag gab der US-Verlag Hatchette bekannt, er verlange vom Online-Händler Amazon eine Umstellung auf das "Agentur-Modell", wie es Apple für das iPad vorgestellt hat. E-Books von aktuellen Bestsellern kosten dabei bis zu 14,99 Dollar, bisher preist Amazon diese bei 9,99 Dollar ein. Bei Apple sollen 30 Prozent der Einnahmen verbleiben, 70 Prozent gehen an die Verlage. Hatchette ist der dritte US-Verlag, der von Amazon eine Änderung seiner Preispolitik fordert. Nur so könne die Vielfalt auf dem Buchmarkt erhalten werden.

Aber ist es wirklich der Beginn einer Medien-Revolution, wenn Verlage einen günstigen Moment nutzen, um mit ihrem Händler die Konditionen nachzuverhandeln? Möglicherweise. Denn hier geht es nicht nur um den Preis der Bücher, sondern um den Vertriebsweg, über den sie in Zukunft ihre Leser erreichen. Und da könnte das iPad durchaus nicht nur diese Branche auf den Kopf stellen.

Schon kurz nach seiner Präsentation ist das iPad zum "Oma-Rechner" erklärt worden. Jenseits des vielleicht gar nicht beabsichtigten abfälligen Beiklangs soll das heißen: Es ist ein technisches Gerät für Menschen, die Technik nicht mögen. Weil sie sie nicht verstehen und deshalb am liebsten nichts damit zu tun haben wollen - Gründe, weshalb ihnen der Gedanke, ein Buch oder eine Zeitung auf dem Bildschirm zu lesen, noch so absurd erscheint, wie sich Videos auf Youtube anzusehen.

Das iPad ist nun dafür konzipiert, die alltägliche Nutzung des Internets über eine intuitive und haptische, von Multitouch-Gesten gesteuerte Oberfläche mit einer Abspielstation von Unterhaltungs-Content zu verbinden. Es soll eine Multimedia-Entertainment-Plattform sein, die einfach zu bedienen ist und deren Inhalte aus dem geschlossenen Apple-Ökosystem geladen werden, die Programme aus dem App Store - gegen Bezahlung und unter der Kontrolle von Apple.

Jörg Kantel, Herausgeber des Blogs Schockwellenreiter, schrieb in der FAZ, das iPad sei nicht mehr als eine Fernbedienung und entmündige die Nutzer. Alex Payne, Programmierer und einer der Twitter-Entwickler, gab zu bedenken, dass er, hätte er als Kind ein iPad und keinen PC gehabt, wohl niemals mit dem Programmieren angefangen hätte.

Was sich hier abzeichnet, ist ein Generationenkonflikt. Jene, die mit Basic auf dem C64, Microsofts Windows und später offener Software zum Selberschreiben sozialisiert wurden, sehen sich umstellt von Älteren und Jüngeren, die sich ihr Betriebssystem vielleicht gar nicht mehr selbst zusammenbasteln wollen. Die den Komfort der neuen Internet-Welt, die über das Mobilfunknetz überall zur Verfügung steht, gerne mit einem Verlust an Kontrolle bezahlen, so wie sie dafür ihre Privatsphäre bewusst und bereitwillig an Google und Facebook abtreten. Die für Bücher, Musik und Filme lieber bezahlen, statt sie illegal und umständlich aus dem Netz herunterzuladen.

Ob sich das iPad durchsetzt, ob sich Sechzigjährige wirklich für vielleicht 500 Euro ein digitales Lesegerät mit integriertem Familienalbum kaufen werden, bleibt abzuwarten. Der Zeitungsdesigner Lukas Kircher hat in der Wochenzeitung Die Zeit allerdings darauf hingewiesen, dass Verlage ein iPad etwa zusammen mit einem Zwei-Jahres-Abo für ein Magazin deutlich günstiger anbieten könnten. Google denkt offenbar über ein iPad-artiges Gerät nach, auf dem das offene Betriebssystem Chrome OS laufen könnte.

Und Programmierer in aller Welt sitzen in diesem Moment, darauf kann man wetten, an ihren Rechnern und entwickeln Programme für das iPad, an die vor seiner Vorstellung niemand gedacht hat. Die Verschiebungen, die sich derzeit ereignen, können Abgründe aufreißen, sie können aber auch neue Landschaften entstehen lassen. Vielleicht blühen diese sogar.

Autor:  Marin Majica
Datum:  5 | 2 | 2010
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