Am 3. Oktober 1990 hört die DDR auf. Der Vater übergibt den Schlüssel seiner Waffenwerkstatt in Rostock-Warnemünde - 4. Flottille der Volksmarine - an die Bundeswehr. Es ist, als gäbe er sein bisheriges Leben ab. Er wird arbeitslos, fängt an zu trinken. Ein neuer Wachschutz-Job bedeutet den Umzug nach Karlsruhe.
Also laden sie Couch und Anbauwand in Rostock-Lichtenhagen auf den Möbelwagen und denken, es ist dann in Karlsruhe wie zu Hause. Aber es ist nicht so. Die Mutter verlässt den Vater, der säuft sich zu Tode. Es ist der Teil der Familiengeschichte von Bianca Bodau, der am 3. Oktober 1990 begann. Aber nicht ihre eigene Geschichte wird zum Thema in diesen 86 Minuten Dokumentation "Frohe Zukunft - Leben nach der Wende". Sondern die Lebenskapitel aus der Zeit, in der Hammer und Sichel zu simplen Werkzeugen geworden waren und die im sachsen-anhaltinischen Halberstadt, Halle und im mecklenburgischen Ückermünde spielen.
Drei Familien, die Regisseurin Bodau 2003 per Annonce in einem ostdeutschen Monatsmagazin gefunden hatte, erzählen, wie ihre Ehen ins Schwanken gerieten, wie man die Nächte mit dem Treuhandanstalts-Liquidator verbracht hat, wie Selbstzweifel, wie Selbstbewusstsein gewachsen sind und wie der Traum vom Eigenheim endlich wahr werden konnte.
30 Jahre VEB Holzindustrie
"Das war eine sehr euphorische Zeit", erinnern sich Klaus und Regina Ditze aus Halberstadt an die Wende. "Wir dachten, es ist nun alles besser. Es ist ja auch vieles besser geworden - zumindest anders." Klaus Ditze war fast 30 Jahre ökonomischer Direktor bei der VEB Holzindustrie; dann musste er den Laden mit abwickeln, übernahm sich finanziell, als er einen Betriebsteil kaufen wollte. Heute, sagt seine Frau, sei Klaus "nicht mehr der Sager, der Macho". Jetzt seien beide gleichberechtigt.
Bianca Bodau hat die Menschen in ihren Dialekten erzählen lassen; hat sie in ihren neuen Küchen und Arbeitsstätten, in schmucken Wohnzimmern und in einstigen Büros, in denen die Farbe abblättert, beobachtet. Wer in der DDR aufgewachsen ist, entdeckt wehmütig ein Stück seiner eigenen Lebensgeschichte. Vielleicht wird so verständlich, warum sich die Filmemacherin in Details verliert und der Zuschauer ein Skript bräuchte, um zwischen Halberstadt, Halle, Ückermünde hinterher zu kommen.
Frohe Zukunft, 22.45 Uhr, ARD
Manchmal sind es die kleinen, schönen Dinge am Rande, die beeindrucken. Genau die zeigen wir in unseren Bildern des Tages.