Wenn am Samstag im Berliner Olympiastadion die Leichtathletik-WM eröffnet wird, beginnt auch eine Zeit der Rekorde. Rekordverdächtig ist dabei auch das Medienaufgebot: Mehr als hundert TV-Kameras werden die Wettkämpfe live in alle Welt übertragen. Knapp 3500 Journalisten wollen vor Ort sein.
Ausgerechnet die ARD, die mit dem ZDF die Weltmeisterschaft hierzulande zeigt, stellt das Spektakel kurz vor seinem Start heftig infrage. Denn nun nehmen sich die beiden Berliner ARD-Rechercheure Hajo Seppelt und Robert Kempe der "Geheimsache Doping" an. Ihr 30-Minuten-Film hinterlässt vor allem ein Bild von der Spitzen-Leichtathletik: viel kriminelle Energie statt eines sauberen Sportevents.
Mit dieser Erkenntnis widerspricht der Film den Beteuerungen der Sportfunktionäre. Während die allerorts versichern, ihre Doping-Kontrollen würden Übeltäter inzwischen fernhalten, zeigen Seppelt und Kempe: Dem illegalen Drogenmissbrauch, mit dem Trainer und Sportler Mitstreiter wie Fans betrügen, ist längst kein Riegel vorgeschoben.
Der Befund dürfte weder Athleten und Gefolgsleute freuen, noch viele Kollegen der Autoren. Denn noch immer sitzen in den Sendern alteingesessene Sportreporter, die Sport mehr als Spaß denn als Objekt für eine urjournalistische, also kritische Herangehensweise verstehen. Walter Johannsen, der die Redaktion der ARD zur Leichtathletik-WM leitet, wird diese Haltung übrigens auch nachgesagt.
Der verantwortliche Redakteur der "Geheimsache Doping", Ulrich Loke vom in Sachen Dopingberichten federführenden WDR, benennt Johannsen zwar nicht direkt. Er sagte aber gestern bei der Vorstellung des von ihm betreuten Films: "Wir bekommen die Schwierigkeiten zu spüren, wenn wir uns mit diesen Themen beschäftigen - sowohl im Sender als auch extern."
Wirklich schlimm ist das indes nicht, wenn sich die ARD andererseits Filme wie diesen leistet. Ohnehin findet die ARD-Dopingredaktion um den im Hintergrund werkelnden Loke im eigenen Haus immer mehr Förderer. Ihre aktuelle Produktion stützte etwa vor allem der Chefredakteur des Ersten Programms, Thomas Baumann, dem allerdings die Hände gebunden waren: Weil die Redaktion den Film erst sechs Wochen vor der heutigen Ausstrahlung vorschlug, war kein besserer Sendezeitpunkt drin. Die Macher tröstet wenigstens, dass sie den Abschluss eines Sportabends bilden dürfen. Da könnte tatsächlich der ein oder andere Zuschauer mehr hängen bleiben, als bei diesem Thema zu erwarten.
Wer bis Mitternacht durchhält, bekommt zu sehen, wie sich die ARD-Leute in einer mexikanischen Apotheke rezeptfrei Dopingpräparate aller Art besorgen - und damit ohne jegliche Kontrolle in die USA übersetzen. Von dort aus finden Mittel bekanntlich leicht ihren Weg in die übrige Welt. In dem Feature, das inhaltlich wie in der Machart sehr den Recherchen zur Nachlässigkeit der Doping-Kontrollen zu den Olympischen Spielen in Peking erinnert, legen außerdem gleich mehrere Doping-Drahtzieher nahe, wie wenig Mittel bis heute bei den Trainings- und Wettkampfkontrollen auffliegen. Damit kommt das eine zum anderen: die risikolose Beschaffung der Präparate zu den bestehenden Lecks in den Kontrollen.
Viel schlimmer noch: Stefan Matschiner, ein inzwischen aufgeflogener und seitdem äußerst geständiger österreichische Sportmanager, erklärt in dem Film, sogar Mitarbeiter von Kontrolllaboren, von der Weltantidoping-Agentur Wada akkreditiert, würden den Kriminellen im Sport helfen. Laut Matschiner hätten ihm Laboranten Proben ermöglicht - unter der Hand. Damit habe er, Matschiner, seine Klienten so justieren können, dass sie bei den offiziellen Kontrollen nicht auffliegen konnten.
Seppelt sagt schließlich, er sei froh, dass "eine Art Chancengleichheit" hergestellt sei. Nun sei "Schluss mit dem ewigen Radsport-Bashing". Die Sache scheint einfach - und der ganze Sport verseucht.
"Geheimsache Doping", ARD, 0 Uhr;siehe auch Seite 25
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