ARD sagen sie nicht mehr so gerne - bei der ARD. Da gibt es nur noch "Das Erste". Damit soll eine Spitzenstellung behauptet werden, die es längst nicht mehr gibt. Vermutlich aber wissen selbst einige Redakteure nicht so genau, wofür die drei Buchstaben ARD stehen: "Arbeitsgemeinschaft der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten der Bundesrepublik Deutschland" - ein echtes Ungetüm; und das bezieht sich nicht bloß auf die Verkettung von Wörtern, sondern auch auf den Apparat, der sich dahinter verbirgt.
Gegründet wurde die ARD 1950, ein Kind des Föderalismus wie die Bundesländer: Unter dem Eindruck der Erfahrungen mit dem "Dritten Reich" sorgten die Siegermächte nach dem Krieg für umfassende Dezentralisierung. Seither ist die Kultur und somit auch der Rundfunk Ländersache. Deshalb bekam jedes Bundesland einen eigenen Landessender. Das hat sich dank zweier Fusionen (SWF und SDR, SFB und ORB) geändert, zumal sich Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen von vornherein mit dem Mitteldeutschen Rundfunk auf eine Anstalt geeinigt haben; aber völlig unzeitgemäße Zwergsender wie Radio Bremen oder der Saarländische Rundfunk existieren auch noch.
Dieser vor Jahrzehnten ohne Frage sinnvolle Föderalismus entpuppt sich heute nicht nur ökonomisch als Bremsklotz: Allein die ARD-Organisationsform macht es praktisch unmöglich, mit einer Stimme zu sprechen; und sie reagiert so spontan und flexibel wie ein Hochseetanker. Daher steht sich die Gemeinschaft vor allem bei Personalentscheidungen regelmäßig selbst im Weg. So dauerte es Monate, bis man sich auf einen Nachfolger für Programmdirektor Günter Struve einigen konnte.
Prominentester Fall in jüngster Zeit war Günther Jauch. Nach langwierigen Verhandlungen warf er Anfang 2007 entnervt das Handtuch. In einem Interview mit dem Spiegel rechnete der sonst so höfliche Moderator in ungewöhnlich scharfer Art mit der ARD (er war einst beim Bayerischen Rundfunk groß geworden) ab und sprach von "Irrlichtern", "Profilneurotikern" und "Wichtigtuern". Seine Wortschöpfung der "Gremien voller Gremlins" (die kleinen anarchischen Monster im gleichnamigen Spielfilm) ist eine so originelle wie zutreffende Beschreibung der Zustände im ARD-Verbund. Am Ende, klagte Jauch, sei er "nur noch hin- und hergeschubst worden als Spielball aller möglichen absurden Interessen".
Die dezentrale und damit staatsferne Struktur der ARD hat dafür gesorgt, dass man nur selten an einem Strang zieht. Man sitzt zwar in einem Boot, aber jeder rudert in eine andere Richtung. Kein Wunder: Jeder Chef eines Landessenders ist ein kleiner König (in Ausnahmen auch eine Königin); selbst wenn man echte Macht nur im eigenen Haus hat, und das ist nicht viel, falls man nicht gerade Intendantin des WDR ist.
Bei Entscheidungen, die das Gesicht des "Ersten" betreffen, ist der Gestaltungsspielraum auch nicht viel größer, aber manchmal genügt ein Veto, um das eigene Ego zu befriedigen. Man einigte sich zwar auf Weichspüler wie Reinhold Beckmann oder Jörg Pilawa, die beide dem Kommerz-Konkurrenten Sat.1 weggekauft wurden; Charakterköpfe jedoch, die auch mal polarisieren, sucht man im "Ersten" vergeblich. Oliver Pocher war die Ausnahme, die die Regel bestätigte; die Scherze des oft pubertierend pöbelnden Komikers sorgten auch regelmäßig für Reaktionen der "Gremlins".
Jüngst schreckte Stefan Raab vor dem ARD-Labyrinth zurück. Nach dem erneuten Debakel beim Eurovision Song Contest hatte der NDR dem ProSieben-Moderator eine Zusammenarbeit vorgeschlagen, um endlich mal wieder einen konkurrenzfähigen Teilnehmer zu finden. Für manche in der ARD muss die Vorstellung schrecklich gewesen sein, die Kandidatenkür der Veranstaltung in der Hand eines Mannes zu sehen, der die ARD in seiner Sendung "TV total" gerne durch den Kakao zieht. Aber Raab winkte ab, und das "Erste" wird wohl bei Europas Sangeswettbewerb wieder unter den Letzten sein.
Manchmal sind es die kleinen, schönen Dinge am Rande, die beeindrucken. Die zeigen wir in unseren Bildern des Tages.