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ARD-Spielfilm "Keine Angst": Das Leben ist keine Insel

"Keine Angst" erzählt von der Härte des Lebens, aber ebenso vom Glauben an die Kraft der Liebe: Dass Regisseurin Aelrun Goette die Welt des Prekariats kennt, sieht man dem Film an. Von Klaudia Wick

Die 13-jährige Becky (Michelle Barthel) stammt aus zerrütteteten Familienverhältnissen.
Die 13-jährige Becky (Michelle Barthel) stammt aus zerrütteteten Familienverhältnissen.
Foto: WDR/Willi Weber

Zweimal am Tag begegnen sich die zwei Welten. Wenn die 14-jährige Becky aus der heruntergekommenen Hochhaussiedlung morgens in den Schulbus einsteigt, sitzen da schon die Gymnasiasten aus dem besseren Viertel der Vorstadt. Ein paar Stationen legt man den Weg gemeinsam zurück, dann geht jeder seiner Wege. Die Milieus mischen sich, aber sie berühren sich nicht.

Außer an jenen Nachmittagen, an denen die Ghetto-Gangs aus der Armensiedlung den Doppelverdiener-Kids aus den Doppelhaushälften auflauern, um sie abzuziehen. Dem 16-Jährigen Bente ist das schon oft passiert. Trotzdem oder gerade deshalb hilft er Becky im Schulbus: Als das Mädchen beim Schwarzfahren erwischt wird, spielt er ihr seinen Fahrschein zu.

Der Film

Keine Angst, Mittwoch, 9. März, 20.15 Uhr, ARD

Für Becky ist das ein einschneidendes Erlebnis. So viel Großzügigkeit und Hilfsbereitschaft ist ihr noch nicht widerfahren. Sie kann ihr Glück kaum fassen. Und beschließt, dass sie es zu fassen kriegen will. Becky überschreitet die imaginäre Grenze zwischen Arm und Reich, zwischen bürgerlicher Mittelschicht und abgehängtem Prekariat. Zwischen sozialem Brennpunkt und Vorortglück. Zwischen Perspektive und Endstation.

Soziale Gerechtigkeit sei nicht allein eine Frage des Geldes, sagt Aelrun Goette, Regisseurin von "Keine Angst". "Wir müssen unsere Inseln verlassen, wieder Kontakt aufnehmen, Verbindungen knüpfen." Goette weiß, wovon sie spricht. Sie arbeitete als Vollzugshelferin, aber auch als Model. Sie absolvierte das Regiestudium an der Hochschule für Film und Fernsehen in Babelsberg und spielte in der Dailysoap "Gute Zeiten, schlechte Zeiten".

Ihr Abschlussdokumentarfilm handelte von einem 15-jährigen Mädchen, das eine 13-jährige zu Tode quälte. Bei der Bundeswehr soll sie Hausverbot haben, seit ihr "Feldtagebuch" die Grundausbildung von vier jungen Soldatinnen dokumentierte und auch das disziplinarische Fehlverhalten eines Ausbilders aufdeckte. Für die Recherchen zu ihrem preisgekrönten Dokumentarfilm "Die Kinder sind tot" lebte Goette eineinhalb Jahre lang in jener Plattenbausiedlung bei Frankfurt/Oder, in der eine junge Mutter ihre Kinder im Sommer 1999 verdursten ließ.

Auch "Keine Angst" erzählt von der Härte der Welt, aber ebenso von einem ungebrochenen Glauben an die Kraft der Liebe: Allen Widerständen zum Trotz gelingt es Becky und Bente, Kontakt aufzunehmen. Für beide ist es ihre erste Liebe, die Regisseurin inszeniert ihre Begegnung als unfassbar zarte Berührung in einer rohen Welt. Der Film lässt nichts aus, zeigt hier verlorene Kinderaugen, verwahrloste Zweiraumwohnungen, sexuelle Übergriffe und erloschene Mädchengesichter. Und dort hermetische Reihenhäuschen, verunsicherte Mittelschichteltern und einen überforderten Sozialstaat, der die Not nicht einmal mehr lindern, sondern nur noch verwalten kann.

Dass Aelrun Goette die Welt, in der "Keine Angst" spielt, von innen kennt, sieht man dem Film in jeder Minute an. Aber auch die Hauptdarsteller bewegen sich in diesen Film nicht wie hineingestellt, was im sozialkritischen Milieufilm leider allzu oft passiert. Dagmar Leesch überzeugt als Beckys überforderte Mutter, Frank Giering ist faszinierend abstoßend als ihr übergriffiger Ersatzvater, Max Hegewald als Bente mit seinem unversehrten Lächeln ist die personifizierte Hoffnung des Films.

Die Überraschung ist aber Michelle Barthel als Becky. Kein falscher Ton in diesem wechselvollen Spiel, das mal die Euphorie der verliebten, mal die Tristesse der geschundenen Seele für den Zuschauer spürbar machen muss, damit der Film sein Gleichgewicht nicht verliert.

Gedreht wurde diese künstlerisch wie gesellschaftspolitisch herausragende WDR-Produktion in den Sozialbausiedlungen rund um Köln. Die Bewohner empfingen das Filmteam erwartungsgemäß nicht mit offenen Armen. Ein aufgeknacktes Auto, ein tätlicher Angriff, ein paar wüste Beschimpfungen - sie habe diese Feindseligkeiten verstanden, sagt Goette. "Ich habe uns in der Pflicht gesehen zu beweisen, dass wir keinen schmutzigen Film über eine schmutzige Welt drehen wollen."

Ein paar Tage vor dem Ausstrahlungstermin organisierte sie eine Premiere in Köln-Chorweiler. Für Aelrun Goette eine Selbstverständlichkeit. "Ich komme aus der Arbeit an meinen Filmen immer reich zurück", sagt sie und man glaubt ihr das aufs Wort.

Autor:  Klaudia Wick
Datum:  9 | 3 | 2010
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