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Medien

16. November 2012

ARD-Themenwoche Tod: Sie werden sterben!

 Von Torsten Wahl
Kommissar Ritter (Dominic Raacke, 2.v.l.) stützt seine kranke Kollegin (Ina Weisse).Foto: dapd

Ein schweres Thema auf allen Kanälen: Die ARD-Themenwoche will zur Auseinandersetzung mit dem Tod anregen.

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Die Themenwoche im Fernsehen

Höhepunkte in der ARD
Sonnabend, 17. 11.
15.30 Uhr: „Heimaterde: Letzte Ruhestätte Türkei“ (Doku)

Sonntag, 18. 11.
11.30 Uhr: „Die Sendung mit der Maus: Abschied von der Hülle“
17.00 Uhr: „W wie Wissen: Wie geht Sterben?“
20.15 Uhr: „Tatort“
21.45 Uhr: „Günther Jauch: Unheilbar krank – Leben mit dem Tod“

Montag, 19. 11.
20.15 Uhr: „Sie bringen den Tod“ (Doku 21.00 Uhr: „Hart aber fair“
22.45 Uhr: „Nuhr am Leben“

Mittwoch, 21. 11.
20.15 Uhr: „Blaubeerblau“ (Film)

Freitag, 23. 11.
20.15 Uhr: „Und dennoch lieben wir“ (Film)

Höhepunkte im RBB
Sonnabend: 18.00 Uhr „In Frieden sterben zu dürfen“ (Doku)

Dienstag: 23.30 Uhr: „Augen auf – Augen zu“ (10 Kurzfilme über den Tod)

"Er kehrt nie mehr“ – diese knappe Todesanzeige für einen Schornsteinfeger begeistert Dagmar Reim bis heute. Die RBB-Intendantin stellt im Foyer des Fernsehhauses an der Masurenallee gerade einige besonders originelle Anzeigen ihrer privaten Sammlung aus. Auch beruflich widmete sich Dagmar Reim dem Umgang mit dem Tod. Gemeinsam mit dem früheren MDR-Intendanten Udo Reiter regte sie an, die diesjährige ARD-Themenwoche um das Sterben kreisen zu lassen. Die Themenwoche gibt es seit sechs Jahren, die erste Ausgabe 2006 behandelte einen ähnlich schweren Stoff: Krebs.

Für Dagmar Reim ist der Tod kein Thema nur für Alte und Kranke. Die Pressekonferenz stand unter dem provokanten Titel „Sie werden sterben – Lassen Sie uns darüber reden“. Das Motto für Zuschauer und Hörer wirkt milder: „Leben mit dem Tod“. Natürlich habe es innerhalb der ARD starke Bedenken gegen die Konzentration auf ein so schweres Thema gegeben, erklärt Reim, manche befürchteten den „Quotentod“. Doch die RBB-Intendantin sieht den öffentlich-rechtlichen Rundfunk in der Pflicht, auch sperrige, tabuisierte Themen anzugehen.

Tipps für die gelungene Grabpflege

Von diesem Wochenende bis zum nächsten Sonnabend setzt die ARD ihr komplettes Instrumentarium im Ersten, in den Dritten Programmen sowie in Hörfunk und Internet ein, um Beiträge über Sterben, Tod und Trauer auszustrahlen. Da fragen Kindersendungen „Wie geht Sterben?“, da geben Gartenmagazine Anregungen zur Grabpflege und Kabarettist Dieter Nuhr, Pate der Woche, sieht sich „Nuhr am Leben“. Im ARD-Youtube-Kanal kann jeder unter dem Motto „Lebensblicke“ erzählen, wie er sich seinen letzten Tag vorstellt. Allerorten laufen Porträts von Bestattern, Totengräbern und Hospiz-Betreuern.

Dass Tod und Begräbnis zumindest im Fiktionalen kein Tabubruch sind, sondern gern für groteske Momente sorgen, beweisen die Titel von Filmen wie „Wer früher stirbt, ist länger tot“, „Sterben für Anfänger“ oder „Der Tod ist kein Beinbruch“. Das Besondere an dieser Themenwoche ist auch nicht das Thema an sich, sondern die Ballung innerhalb einer Woche: Das ARD-Publikum kann dem Tod in den nächsten Tagen kaum ausweichen.

In einen wenig erkundeten Bereich wagt sich die ARD-Reportage hinein, die in der Themenwoche traditionell am Montag um 20.15 Uhr läuft. Die SWR-Autoren Sebastian Bösel und Ulrich Neumann stellen unter dem Titel „Sie bringen den Tod“ drei Ärzte vor, die Schwerkranken beim „ärztlich assistierten Suizid“ helfen und sich damit in eine Grauzone begeben. Es habe viele Monate gedauert, um das Vertrauen der Ärzte zu gewinnen und sie zu überzeugen, vor die Kamera zu treten, erklären die Autoren.

Wie stark der Widerstand in den Ständevertretungen ist, beweist Frank Ulrich Montgomery, Präsident der Bundesärztekammer, der den Sterbehelfern pauschal ein „degeneriertes Berufsethos“ unterstellt und sie mit Sanktionen bedroht. Dagegen berichten alle Angehörigen von den positiven Erfahrungen eines selbst gewählten Abschieds in der vertrauten Umgebung. Zwei Kranke hatten zuvor selbst vor der Kamera ihre Entschlossenheit betont, nicht länger unter Schmerzen und Qualen leben zu wollen.

Witze am Seziertisch

Die Autoren geben den Sterbehelfern viel Raum, ihre Motive und emotionale Beziehungen zu den Patienten zu erklären, stellen aber auch kritische Frage. So im Fall jenes Arztes, der sogar psychisch Kranken beim Selbstmord hilft, die Gutachten dazu selbst verfasst und auch noch ein Honorar kassiert. Das Fazit aber überlässt die anregende Reportage einer Patienten, die an der Nervenkrankheit ALS leidet und ärztliche Sterbehilfe als „zeitgemäß, liberal und human“ charakterisiert. Wie kontrovers das Thema diskutiert wird, soll die anschließende Diskussion „Hart aber fair“ mit Frank Plasberg beweisen.

Gegenüber solch besonderen Begegnungen mit realen Menschen haben es fiktionale Formen schwerer, Emotionen beim Thema Tod auszulösen. Zu routiniert wird in den meisten Krimiserien gestorben, zu gern am Seziertisch gewitzelt. Einen besonderen Ansatz sucht der „Tatort“ vom RBB am Sonntagabend. Die Kommissare Ritter und Stark treffen nicht nur auf Leichen und Verdächtige in der Berliner Partydrogenszene, sondern auch auf eine sterbende Kollegin. Die Drogenfahnderin Melissa, berührend gespielt von Ina Weisse, hat Krebs. Wie penibel und rigoros sie die Zukunft ihrer beiden halbwüchsigen Töchter vorbereitet, erinnert an Isabel Coixets Spielfilm „Mein Leben ohne mich“, den der RBB am Mittwochabend zeigt. Der „Tatort“ von Regisseurin Claudia Garde gewinnt seine Spannung nicht aus der Suche nach dem Täter, sondern aus den moralischen Fragen nach einem selbst gestalteten Ende.

Wem diese Ballung von Tod und Trauer im November zu düster ist, der sei auf die nächste ARD-Themenwoche verwiesen: Die wird um das Glück kreisen.

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