Die "Tagesschau", "Tatort", "Sendung mit der Maus" und "Monitor" kennt jeder - aber wie die ARD funktioniert, der Apparat hinter dem Programm, das täglich Millionen Menschen sehen, weiß kaum jemand. Das ist manchmal auch besser so. Aber heute machen wir eine Ausnahme: In diesem Jahr wird der Senderverbund 60 Jahre alt und hat bereits im April mit zwei großen Fernsehshows vorgefeiert. Gibt es überhaupt was zu feiern? Wir meinen: ja! Und mindestens genau so viel zu verändern.
Die ARD und ihre Geschichte
Der Anfang war noch ein bisschen steif: "Wir versprechen Ihnen, uns zu bemühen, dass wir auf das neue geheimnisvolle Fenster in Ihrer Wohnung, das Fenster in die Welt auf Ihrem Fernsehempfänger, alles das bringen, was Sie interessiert und Ihr Leben schöner macht." So lautete das Gelübde zum Start des "Deutschen Fernsehens", das Weihnachten 1952 den Betrieb aufnahm - erst für den Norden, später für die gesamte Republik.
Zu diesem Zeitpunkt gab es die ARD bereits zwei Jahre, eine "Arbeitsgemeinschaft der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten der Bundesrepublik Deutschland". Am 9. und 10. Juni 1950 besiegelten die Intendanten den Verbund der Länderanstalten. Aufgabe der ARD sollte es sein, "Probleme zu lösen, die die Sender gemeinsam haben". Gut, heute schafft sich die ARD manche davon erst noch selbst. Aber ohne sie gäbe es keinen Finanzausgleich, keinen Programmaustausch - und nicht so viele Gelegenheiten für Medienjournalisten, sich darüber zu ärgern, wie kompliziert die ARD gestrickt ist.
Die ARD und das Geld
5.348.393.127,07 Euro. So viel überwiesen die Gebührenzahler im Jahr 2008 auf die Konten der ARD - Einkünfte aus Werbung, Sponsoring und dem Verkauf von Sendungen ins Ausland nicht mitgerechnet. Wer so viel einnimmt, hat ausgesorgt, oder?
Die ARD sieht das anders: Von BR bis WDR fürchten alle massive Einschränkungen, die Gebühren reichten bald nicht mehr aus. Sparen? Na gut, wenns sein muss.
Dabei ist die Krise auch eine Chance: Nie war die Gelegenheit günstiger, sich auf die Kernaufgaben zu konzentrieren und das Programm auszumisten. Es ist höchste Zeit, über Fusionen oder zumindest Kooperationen nachzudenken. Würden nicht auch vier oder fünf größere Sendeanstalten reichen, die schlagkräftiger als die bisherigen wären, den regionalen Identitäten aber nach wie vor gerecht werden könnten?
Die ARD und ihr Publikum
In den vergangenen Jahren hat sich die ARD ihren eigenen Generationenkonflikt geschaffen, indem sie ihr Programm konsequent aufs ältere Publikum ausgerichtet hat. Im vergangenen Jahr erreichte das Erste bei den Zuschauern im Alter von 14 bis 49 Jahren einen Marktanteil von 6,6 Prozent. Das ist knapp ein Prozentpunkt weniger als Vox und über zehn Prozentpunkte weniger als Marktführer RTL, dicht gefolgt von RTL 2.
Natürlich bedeutet das nicht, dass die ARD genauso werden soll wie RTL. Es ist aber auch nicht so, dass es in den Landesanstalten niemanden gäbe, der weiß, wie man ein modernes und trotzdem anspruchsvolles junges Programm macht. Im Gegenteil. Die ARD hat schlicht und einfach Angst vor jungen Zuschauern. Sendungen für sie werden deshalb in die Digitalkanäle ausgelagert, wo Marktanteile nicht so wichtig sind. Und trotzdem: Ihre Aufgabe ist es, Programm für alle Altersgruppen zu machen, weil ja auch alle zahlen. Am besten dort, wo man nicht Ewigkeiten danach suchen muss.
Die ARD und das Internet
Wie viel darf die ARD eigentlich im Netz? Um diese Frage gibt es seit Längerem Streit mit Privatsendern und Verlegern. Alle Landesrundfunkanstalten haben eigene Seiten, und um die Regionen widerzuspiegeln ist das ja auch in Ordnung. Aber braucht auch jeder Sender eigene Service-Seiten? Und Weltnachrichten?
Kritiker finden: nein. Und langsam setzt sich auch innerhalb der ARD die Erkenntnis durch, dass eine Konzentration auf bestimmte Kernbereiche im Netz kein Weltuntergang ist. Ein echter Vorteil ist hingegen die ARD-Mediathek - für die Sender, weil so nicht mehr jeder eine eigene Plattform entwerfen muss, um seine Programme ins Netz zu stellen.
Und für die Zuschauer, weil die sich nicht mehr den Sonntagabend freizuhalten brauchen, um den "Tatort" zu gucken, sondern das im Netz nachholen können.
Die ARD und ihre Stars
Manchmal kann sich auch ein Fernsehsender aufführen, als stecke er in der Midlife-Crisis. Für ein Abenteuer wird leichtfertig eine über Jahre aufgebaute Beziehung riskiert. So wie in der vergangenen Woche mit der Entscheidung, Günther Jauch ins Erste zu holen und ihm den Sendeplatz von Anne Will zu überlassen. Ohne Vorwarnung.
Auf die, die im eigenen Senderverbund groß geworden sind, scheint die ARD am wenigsten Rücksicht zu nehmen. Nachwuchsarbeit findet nur noch in Programmnischen statt. Die ARD braucht mehr Vertrauen ins eigene Personal. Es reicht nicht, sich als Rentenversicherung unterforderter Privatsender-Stars zu etablieren.
Die ARD und die Konkurrenz
War das ein Sündenfall oder ein genialer Schachzug: die Kooperation mit Stefan Raab und Pro Sieben für den Eurovision Song Contest? Seitdem Lena in Oslo gewonnen hat, schweigen die Zweifler. Doch das Teamwork mit Raab wird eine Ausnahme bleiben.
So sehr sich die ARD mit der privaten Konkurrenz auch ständig in die Wolle kriegt: Irgendwie ist es ganz gut, dass es RTL und Sendungen wie "Deutschland sucht den Superstar" gibt. Sonst würde den Intendanten die Möglichkeit fehlen, über programmliche Entgleisungen der Privaten zu schimpfen und zu versichern: Sowas gibt es bei uns nicht.
Dabei hat sich die ARD der Konkurrenz in vielen Bereichen angenähert, weil lieber auf Marktanteile geschaut wird als auf Inhalte. Mag ja sein, dass Schuldnerberatungssendungen, Telenovelas, Kochshows und die Dokusoapflut in den Dritten ihre Berechtigung haben, weil sie Aspekte der Grundversorgung berühren. Das wäre nur leichter zu akzeptieren, wenn man nicht das Gefühl hätte, dass vor lauter Quotenfixierung am Mut zu weniger massenattraktiven Programmen gespart wird.
Die ARD und die Politik
Wie unabhängig kann ein System sein, in dessen Aufsichtsgremien Ministerpräsidenten und Parteienvertreter sitzen? In der Theorie geht das schon, weil die Politik nur einen Teil der Gesellschaft vertritt, die in den Kontrollorganen der ARD repräsentiert werden soll. Auch in der Praxis hat sich die ARD seit ihrer Gründung stets an der Politik gerieben, vor allem Vertreter der Union warfen dem Senderverbund immer wieder vor, zu links zu sein. Im besten Fall sorgt die ARD für eine kritische Betrachtung derer, die die Geschicke des Landes lenken, stellt unbequeme Fragen, deckt Missstände auf.
Die ARD muss sich gut überlegen, wie sie ihre Unabhängigkeit den Gebührenzahlern nachhaltig glaubhaft machen kann. Dass der derzeitige Regierungssprecher Ulrich Wilhelm nächstes Jahr Intendant des Bayerischen Rundfunks wird, ist da schon mal nicht besonders praktisch.
Manchmal sind es die kleinen, schönen Dinge am Rande, die beeindrucken. Die zeigen wir in unseren Bildern des Tages.