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Arte-Doku "Atommüll": Genozid auf Raten

Das Stichwort, so der französische Atomkommissar, heißt Vertrauen. Fällt nicht leicht angesichts der Tatsache, dass 90 Prozent des Atommülls ungenutzt die Erdatmosphäre verseucht. Aber sehen Sie selbst.

Die Tetscha fließt östlich des Urals. Mehrfach gelangten durch Zwischenfälle in der nahe gelegenen Kerntechnischen Anlage Majak riesige Mengen radioaktiver Abwässer in den Fluss.
Die Tetscha fließt östlich des Urals. Mehrfach gelangten durch Zwischenfälle in der nahe gelegenen Kerntechnischen Anlage Majak riesige Mengen radioaktiver Abwässer in den Fluss.
Foto: arte/Bonne Pioche

Bernard Bigot ist ein optimistischer Mann. Die ersten Kathedralen, erzählt der französische Atomkommissar, seien ja auch nicht entstanden, um irgendwann zu Staub zu zerfallen. "Nein, die Menschen glaubten an ihr Geschick und Material, die Zeit zu überdauern." Genauso sei es auch mit Nuklearabfall. "Wir können perfekten Schutz garantieren", der Präsidentenberater lächelt, "aber das wichtigste Wort dafür ist Vertrauen."

Vertrauen also. Das fällt gerade nicht leicht, angesichts der gefälschten Gutachten rund ums geplante Endlager in Gorleben, um verheimlichte Schadensberichte vom Salzstock Asse, all die offenen Fragen einer strahlenden Zukunft.

Die Sendung

"Albtraum Atommüll", Di, Arte, 21 Uhr.

Noch schwerer fällt es, wenn man "Albtraum Atommüll" sieht. Die Dokumentation von Eric Guéret belegt auf erschütternde Art das Gleichnis vom Auto, dem die Bremsen erst bei voller Fahrt montiert werden sollen. Mindestens 200.000 Jahre belastet kernenergetischer Abfall unsere Erde.

Wo genau, wie lange noch, mit welchen Risiken - das zeigt Guérets Reise durch die Historie atomarer Entsorgung. Sie beginnt bei verklappten Fässern von gestern, die Greenpeace heute beim Zerfall auf dem Meeresboden filmt. Sie führt zurück zum verseuchten Hiroshima-Versuchsfeld der USA über sowjetische Nuklearklos im Ural bis zur Wiederaufbereitungsanlage am Ärmelkanal, zu sibirischen Atomhalden, zu deutschen Zwischenlagern und ins AKW-hörige Frankreich.

Skrupellos und ignorant

Der Film zeigt nicht nur, wie skrupellos, menschenverachtend und ignorant die Verursacher von Abermillionen Tonnen Atommüll - militärisch oder zivil - die Öffentlichkeit täuschen. Er tut es auch ohne das Pathos, das dieses Thema durchaus vertrüge, angesichts eines Genozids auf Raten, den uns die Industrie als zukunftsfähige Energie verkauft.

Dafür bedarf es keiner Erklärungen aus dem Off; die Fakten reichen: Dass beim Recycling in La Hague jährlich Hunderte Millionen Liter Rückstände im Meer landen, was seit 1993 nur verboten ist, wenn er in Fässern lagert. Dass dabei mehr radioaktives Krypton 85 in die Luft entweicht, als von allen gezündeten Atombomben zusammen. Dass Aufarbeitung ohnehin ein Euphemismus ist, angesichts von 90 Prozent ungenutzten Restmülls, der in anschließend in russische Kleinstädte rollt, um dort zu verrotten. Dass Vergraben derzeit als einzig realistische Entsorgung gilt, wo das Erbe 6000 Generationen lang abklingen soll, also um ein Vielfaches länger als jedes politische Kontrollsystem darüber bislang Bestand hatte. Der berühmte Atomphysiker Hubert Reeves findet dafür am Schluss ein ganz anderes Wort als Vertrauen: Wahnsinn.

Ihn als Vernunft zu deuten, erfordert das Werk findiger Lobbyisten. Es ist Eric Guérets Verdienst, die zu entlarven - Betreiber, Forscher, Politiker, die ihre Mär von der sicheren Entsorgung mit einem Grinsen verkaufen, das besonders Franzosen zueigen ist. Ob also ein Endlager verschwiegen werde, um künftige Archäologen nicht zum Graben zu bewegen, oder gekennzeichnet, um deren natürliche Neugier erst anzufachen - "das ist fast Science Fiction", sagt der Sprecher eines Versuchsstollens in Frankreich und macht ein charmantes Gesicht.

Es ist eines, mit dem Bernard Bigots sein Kathedralen-Bild untermalt. Die ältesten intakten Bauwerke stammen übrigens aus der Bronzezeit - sie müssten also noch 195.000 Jahre halten, um dem Vergleich mit dem Endlager standzuhalten. Keine andere Technologie, sagt die Sprecherin, erfordert ein Denken in solchen Zeiträumen.

Autor:  Jan Freitag
Datum:  12 | 10 | 2009
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