Im französischen Chinon, einer kleinen Stadt an der Loire, haben sich innerhalb von zwei Jahren vier Menschen das Leben genommen. In Chinon steht Frankreichs ältestes Atomkraftwerk, die Toten waren hier beschäftigt. Bei der France Telecom haben sich nach den Umstrukturierungen binnen 18 Monate 24 Menschen umgebracht. Auch bei Peugeot und Renault kam es in der Vergangenheit zu sogenannten Selbstmordserien. Als Ursache haben Experten die steigende Belastung am Arbeitsplatz ausgemacht. Zu viel Stress, zu viel Druck.
Auch in Deutschland hat der Autor Ingolf Gritschneider Beispiele für seine Dokumentation über Burn-out-Patienten gefunden. Im baden-württembergischen Aalen hat sich in der Forschungsabteilung von Carl Zeiss ein Physiker umgebracht. Nach einem Personalgespräch ist er zum Hochhaus der Geschäftsführung gelaufen, er ist ins oberste Stockwerk gelaufen und hat sich hinabgestürzt. Seine Frau sagt, dass ihr Mann nur von der Arbeit gesprochen hat und die psychischen Belastungen immer größer geworden sind. Zuletzt drohte der Chef dem hochdekorierten Forscher mit Kündigung. "Man darf mit Menschen so etwas nicht machen", sagt die Frau.
"Ausgebrannt - Wenn nichts mehr geht" heißt der Beitrag, mit dem der deutsch-französische Kultursender Arte seinen Themenabend über die Krankheit Burnout eröffnet. Die Dreiviertelstunde beschreibt sehr eindringlich die zunehmenden Gefährdungen in einer radikal beschleunigten Arbeitswelt. Jeder soll immer und überall erreichbar sein, am besten ständig einsatzbereit.
Unternehmen zerfallen oder fusionieren in immer kürzeren Abständen und immer größeren Dimensionen, hunderttausende Jobs verschwinden, Mitarbeiter werden nicht mehr eingestellt, sondern mit Zeitverträgen ausgestattet. Wenn überhaupt. Ansonsten wird ausgelagert, was das Zeug hält, der Kostendruck steigt, die Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes auch. Weniger schaffen mehr, lautete mal so eine Losung. Immer weiter, immer schneller, immer volle Pulle. Bis nichts mehr geht.
Um diesen Zustand zu visualisieren, fährt die Kamera gern durch dunkle Tunnel, wahlweise auch lange, kahle Gänge entlang. Dazu gibt es wacklige, unscharfe Bilder, unterlegt von bedrohlicher Musik. Nicht sonderlich einfallsreich, aber irgendwelche Bilder braucht das Fernsehen nun mal.
Aufschlussreicher sind die Einschätzungen der Ärzte und Soziologen und vor allem die Berichte der Betroffenen. "Ich habe das Gefühl gehabt, ich falle auseinander", schwäbelt eine Krankenschwester. Sie macht jetzt eine Klangschalentherapie, arbeiten kann sie nicht mehr.
Auch ein Mitarbeiter aus dem französischen Atomkraftwerk in Chinon konnte eines Tages nicht mehr. "Als wenn ein Schalter umgelegt worden wäre", erinnert er sich. Dankenswerterweise hat der Mann vor seinem Burnout aufgehört zu arbeiten, um keinen gröberen Schaden anzurichten. Zum Glück sind bei einer Tageszeitung die Folgen nicht ganz so schlimm. Und ein bisschen geht ja auch noch.
Volle Pulle natürlich.
Themenabend: Burnout - Schuften bis zum Umfallen, 21.00 Uhr, Arte
Manchmal sind es die kleinen, schönen Dinge am Rande, die beeindrucken. Die zeigen wir in unseren Bildern des Tages.