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Privatsender Sat.1: Aus dem Koma erwacht

Mit neuen Serien und Shows ist Sat.1 so erfolgreich wie lange nicht. 3,4 Millionen Zuschauer schalteten die jüngste Folge von "Der letzte Bulle" ein.

Henning Baum ist Der letzte Bulle.
Henning Baum ist "Der letzte Bulle".
Foto: obs

"Ich harmoniere mit der Welt wie der Müll mit dem Eimer“, hat Mick Brisgau am Montag gesagt. Brisgau ist Polizist, lag wegen eines Dienstunfalls zwanzig Jahre im Koma und ist im 21. Jahrhundert wieder aufgewacht.

Die Sat.1-Serie „Der letzte Bulle“ erzählt davon, wie Brisgau, gespielt von Henning Baum, seinen Job wieder aufnimmt und versucht, sich mit Ermittlungsmethoden und Umgangsformen der Neuzeit anzufreunden: DNA-Analyse? Nie gehört. Wie bitte schön geht dieses Internet? Und warum sind plötzlich alle Männer Softies?

Anders als mit der modernen Gesellschaft harmoniert der Macho aus der Vergangenheit mit dem Sat.1-Publikum ganz hervorragend. Gerade lief die letzte Folge der ersten Staffel. Anfang der Woche schalteten fast 3,4 Millionen Zuschauer ein. Damit gehört „Der letzte Bulle“ – genauso wie die im Anschluss gezeigte Anwaltsserie „Danni Lowinski“ mit Annette Frier – zu den erfolgreichsten Serien, die der Sender zuletzt produziert hat.

Vieles floppte

Sat.1 reagiert mit einer Mischung aus Erleichterung und Selbstvertrauen auf diese Entwicklung. Mit Grauen erinnert man sich in München an die letzten Versuche, das Publikum an neue Serien zu gewöhnen: Anfang 2009 wurde die Krankenhausreihe „Klinik am Alex“ wegen schlechter Quoten frühzeitig abgesetzt, davor floppten bereits „Plötzlich Papa“ und der „Dr. House“-Klon „Dr. Molly & Karl“. Dass nun gleich zwei Neustarts funktioniert haben, wird als Zeichen dafür gewertet, dass es wieder aufwärts geht. Statt hektisch umzuprogrammieren und in Auswechselpanik zu verfallen, heißt es jetzt: Fortsetzung folgt.

Dabei sind „Der letzte Bulle“ und „Danni Lowinski“ nicht die einzigen Treffer, die Sat.1 derzeit vorweisen kann. Nachdem der Sender zuletzt vor allem mit seinen Promi-Einkäufen Johannes B. Kerner und Oliver Pocher in den Schlagzeilen war, die mit ihren Shows nicht die Erwartungen erfüllen konnten, steht er zu Beginn der neuen TV-Saison so gut da wie lange nicht mehr. Senderchef Andreas Bartl scheint das richtige Rezept fürs Programm gefunden zu haben, das seinen Vorgängern so lange Kopfschmerzen bereitet hat.

Vor einigen Wochen gab Bartl bekannt, am Samstagabend künftig US-Serien zeigen zu wollen. Auch diese Entscheidung hat sich zunächst als richtig herausgestellt: Zur Premiere von „Navy CIS: L.A.“, das die Fälle einer Undercover-Einsatztruppe in Los Angeles schildert, sicherte sich Sat.1 vor zweieinhalb Wochen über 15 Prozent Marktanteil bei den jungen Zuschauern.

Dass das so bleibt, wenn RTL und Pro Sieben in einigen Wochen mit „Das Supertalent“ und „Schlag den Raab“ dagegenhalten, ist eher unwahrscheinlich – vielleicht wird Sat.1 aber auch dafür belohnt, eine Alternative zu Shows und Spielfilmen anzubieten, wie sie sonst am Samstag üblich sind. Unter dem früheren Geschäftsführer Roger Schawinski startete schließlich auch der US-Seriensonntag mit großer Skepsis und funktionierte – trotz der Konkurrenz durch den „Tatort“.

Am spannendsten ist die Entwicklung am Freitagabend, wo Sat.1 über Jahre keine Chance gegen den Konkurrenten RTL hatte und einen Flop nach dem nächsten produzierte, unter anderem mit Mottoshows, an denen das lustigste die Titel waren: „Peng! Die Westernshow“, „Aloha! Die Südseeshow“ und „Holldriöh! Die Alpenshow“. Versuche, an die Castingerfolge der Konkurrenz anzuschließen, gingen schief. Den Musical-Wettbewerb „Ich Tarzan, du Jane“ wollte kaum jemand sehen. Erst im vergangenen Jahr scheiterte „You can dance“ mit Kai Pflaume.

Seit dem Frühjahr versucht es Sat.1 nun mit neuen Konzepten: immer noch klassischen Shows für die ganze Familie, aber einer anderen Herangehensweise. Mit Ulla Kock am Brinks „Die perfekte Minute“ hat der Sender womöglich sogar einen neuen Gameshow-Trend gesetzt – was als kleines Wunder bezeichnet werden muss, nachdem Sat.1 zuletzt immer nur das zu kopieren versuchte, was anderswo schon etabliert war.

Zum Auftakt vor drei Wochen interessierten sich die Zuschauer dann auch noch für „Mein Mann kann“, eine Spielshow, in der Ehefrauen mit dem Talent ihrer Männer um 50 000 Euro pokern. Richtig ausgereift ist das Konzept nicht – aber die Quoten stimmen.

Schub für den Sender

Ob diese Erfolge von Dauer sind, entscheidet sich aber auch am Freitag erst dann, wenn RTL mit „Wer wird Millionär?“ aus der Sommerpause zurückkehrt. Ende August geht Günther Jauch mit zweistündigen Specials auf Sendung, direkt gegen die nächste Sat.1-Neuentwicklung „Deutschlands Meisterkoch“, die überschwänglich als „größte Kochshow aller Zeiten“ angekündigt wird. Sternekoch Tim Raue sucht dann mit seinen Jurykollegen den besten Hobbybrutzler Deutschlands.

Aller Euphorie zum Trotz: Noch ist der Aufschwung bei Sat.1 ein wackeliger und schwer mit der Zeit vor fünf Jahren zu vergleichen, als die Telenovela „Verliebt in Berlin“ für Traumquoten sorgte und damit dem Sender einen Schub verpasste.

Dem Marktführer RTL wird Sat.1 so schnell nicht gefährlich werden können. In den vergangenen Jahren profitierten die Kölner aber auch davon, dass Sat.1 nicht aus dem Quark kam und eine Idee nach der nächsten versenkte. Sollte der Mitbewerber jetzt mit seinen Neuentwicklungen erfolgreich bleiben, wird sich allerdings auch RTL überlegen müssen, wieder mehr in Programmideen zu investieren.

Den Zuschauern kann das nur recht sein: Anders als Serienpolizist Brisgau sind die – zumindest was ihre Ansprüche ans Programm angeht – nämlich nicht in den 80er-Jahren hängen geblieben.

Autor:  Peer Schader
Datum:  4 | 8 | 2010
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