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24. April 2012

Ausstellung in der KZ-Gedenkstätte Dachau: Wie Rechtsextremisten Comics missbrauchen

 Von Ronny Blaschke
In einem Bekennervideo benutzte die Terrorgruppe NSU Bilder von Paulchen Panther.  Foto: dpa

Asterix mutiert zum Skinhead, Paulchen Panther verkündet die Morde des NSU: Über Comics verbreitet sich rechtsextreme Propaganda – aber auch die Kritik daran.

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Fröhlich, unschuldig springt die rosarote Trickfilmfigur Paulchen Panther von einem Mordopfer zum nächsten. Das Bekennervideo des „Nationalsozialistischen Untergrunds“ NSU hat Empörung und Beklemmung ausgelöst. „Dabei ist diese Art der Verhöhnung nicht neu“, sagt Ralf Palandt, Kommunikationswissenschaftler aus München. „Politik und Wissenschaft haben solche Inszenierungen lange ignoriert. Gewalt verherrlichende Comics sind ein Puzzlestück zum Verständnis und zur Bekämpfung von Rechtsextremismus.“

Seit Mitte der achtziger Jahre erforscht Ralf Palandt die Comic-Kultur, er hat Festivals, Seminare, Ausstellungen organisiert. „Comics findet man in allen rechtsextremen Printmedien: auf Flugblättern, in Parteizeitungen, in Fanzines oder CD-Booklets. Martialische Szenen können sich schnell im Gedächtnis einprägen.“ Wie beim Rechtsrock tritt die Gesinnung in solchen Bildergeschichten mehr oder weniger offen zu Tage. „Wenn Rechtsrock die Einstiegsdroge in rechtsextremes Gedankengut ist“, sagt Palandt, „dann wird dieses Gedankengut durch rechte Comics erheblich bestärkt.“

Nicht erst seit Paulchen Panther werden Zeichentrick-Figuren entfremdet: Mit wenigen Pinselstrichen mutierte Asterix im Behnsdorfer Skin Fanzine 1992 zu einem Skinhead, der einen Gegner aus den Schuhen tritt, verziert mit der Sprechblase: „Die spinnen, die Punk’s.“ Im selben Heft reist er mit Obelix als „Asterwichs und Oberwichs nach Berlin-Kreuzberg“, wo sie eine „Antifa-Patrouille“ verprügeln.

Im Hochglanzfanzine White Supremacy ziert ein zum Neonazi verfremdeter Bart Simpson 1998 die Innenseite des Umschlags, darauf trägt er Knüppel und Springerstiefel, auf einer Schuhsohle ist die 88 erkennbar, ein Code für den Hitlergruß. „Rechtsextreme wollen in die Mitte der Gesellschaft, dafür nutzen sie auch Comic-Figuren aus der Mitte der Gesellschaft.“ Donald Duck oder Biene Maja verniedlichen und banalisieren Gefahren für die Demokratie.

Als Wegbereiter bezeichnet Palandt das Magazin Gäck, das von der 1952 gegründeten Wiking-Jugend herausgegeben wurde. Die älteste rechtsextreme Jugendorganisation betreute Jugendliche nach dem Vorbild der Hitler-Jugend und wurde 1994 verboten. Jahre später ließ die NPD in ihrer Zeitung „Deutsche Stimme“ die fiktive Figur Willy Widerstand gegen den Staat wettern. Nicht immer werden politischen Ziele klar markiert. „Anhand von Klischees werden Feindbilder bestärkt“, sagt Palandt. Kommunisten, Autonome, Antifaschisten – Vorurteile werden ins Extreme überzogen: Juden sind mit Davidstern gekennzeichnet, Punks werden als betrunkene, bettelnde Prügelknaben mit langen Haaren und zerrissener Kleidung dargestellt. „Diese Comics sollen innerhalb der extremen Rechten den Zusammenhalt fördern.“

Superman jagt Hitler

Vor zwei Jahren organisierte Ralf Palandt mit dem Berliner Archiv der Jugendkulturen die Tagung „Rechtsextremismus, Rassismus und Antisemitismus in Comics“, 2011 ist der gleichnamige Sammelband erschienen. Am Donnerstag hat er die Ausstellung „Holocaust im Comic“ in der Evangelischen Versöhnungskirche der KZ-Gedenkstätte Dachau eröffnet. Bis Ende September will Palandt, Mitglied der Gesellschaft für Comicforschung (ComFor), darin aber auch Bildergeschichten von Opfern und Gegnern des Nationalsozialismus vorstellen.

So stieß Ralf Palandt auf eine Szene des Disney-Zeichners Carl Barks aus den fünfziger Jahren: Darin schreiten Tick, Trick und Track, die Neffen von Donald Duck, über eine Müllkippe, auf der ein Exemplar von Hitlers Mein Kampf zu sehen ist. „Barks wollte damit ausdrücken: Mein Kampf gehört auf den Müll“, sagt Palandt. In einer Geschichte der amerikanischen Illustrierten Look fliegt Superman nach Deutschland, greift sich Hitler und lässt ihn anschließend als Kriegstreiber verurteilen.

In einem jüngeren Streifen möchte der Franzose Pascal Croci den Alltag in Auschwitz abbilden. Seit seiner Kindheit war Pascal Croci auf der Suche nach Antworten zum Thema Auschwitz. Die Fernsehdokumentation „Shoah“ von Claude Lanzmann (1985) und der Kinofilm „Schindlers Liste“ von Steven Spielberg (1993) gaben ihm den Mut zu versuchen, das tägliche Leben im Konzentrationslager darzustellen. Dafür wurde er 2002 mit dem französischen Literaturpreis Prix de jeunesse de l’Assemblée Nationale ausgezeichnet.

Crocis Ziel war eine fiktive Erzählung, die Augen öffnen soll, wie er in einem Interview erläutert hat: „Es handelt sich nicht um eine Dokumentation, ich muss nichts belegen. Ich benutze eine Geschichte, um von einer historischen Epoche zu erzählen. Mir scheint die Graphic Novel ein sehr passendes Medium, um zu erklären, wie die Nazis die Endlösung umsetzten.“

So schockierend die Alltagsbeschreibungen in Crocis Band sind – Ralf Palandt glaubt, dass solche Darstellungen unter Jugendlichen Debatten auslösen können. „Es ist wichtig, dass in der Schule erklärt wird, wie Comics funktionieren“, sagt Palandt. „So lernen die Jugendlichen, Bildgeschichten kritisch und mündig zu lesen.“

Ausstellung „Holocaust im Comic“, Evangelische Versöhnungskirche in der KZ-Gedenkstätte Dachau, bis 30. September.

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