Das Private ist politisch: Kaum ein Drehbuchautor setzt diese Erkenntnis so konsequent um wie Benedikt Röskau. Die Bedrohungen kommen stets von außen: Ein Grubenunglück in "Das Wunder von Lengede", ein Schlafmittel mit grausamen Folgen in "Contergan", ein Virus in "Faktor 8". Allein ist der Einzelne ohne Chance. Erst mit Hilfe seiner Familie kann er den Gefahren trotzen; oder es zumindest versuchen.
Zweites Merkmal der Röskau-Bücher ist das in ausgiebiger Recherche zusammengetragene Hintergrundwissen. Wenn die Darsteller im Wirtschafts-Thriller "Über den Tod hinaus" mit juristischen Fachbegriffen nur so um sich werfen, kann man sich darauf verlassen, dass kein Unfug erzählt wird. "Faktor 8"-Regisseur Rainer Matsutani nennt Röskau einen "Recherche-Freak"; er meint das ausgesprochen anerkennend.
ProSieben zeigt den Thriller "Faktor 8" am Geburtstag des Autors: Benedikt Röskau wird am 5. Oktober 48 Jahre alt.
Nach dem Studium der Germanistik, Philosophie und Theaterwissenschaft in München arbeitete er zunächst als Tontechniker. Seit zwanzig Jahren ist er Drehbuchautor.
Zu seinen bekanntesten Filmen zählen "Das Wunder von Lengede" (Adolf-Grimme-Preis), "Contergan" (Deutscher Fernsehpreis, Bambi), "Nordwand" und aktuell "Romy".
Röskau war von 1997 bis 2007 im Vorstand des Verbandes Deutscher Drehbuchautoren. tpg
In den nächsten Wochen hat der Autor das seltene Vergnügen, mit gleich drei Filmen im TV-Programm vertreten zu sein. Auf "Faktor 8" (ProSieben, 5. Oktober) folgt "Über den Tod hinaus" (ZDF, 12. Oktober) und schließlich als Höhepunkt am 11. November "Romy" (ARD), eine Drama über das Leben Romy Schneiders.
Die Häufung legt nahe, hier sei einer richtig gut im Geschäft. Das ist natürlich nicht völlig falsch, aber auch nicht ganz richtig: "Faktor 8" ist die erste Röskau-Verfilmung seit "Contergan" im November 2007; und da war das Drama wegen der juristischen Scharmützel mit dem Pharmakonzern Chemie Grünenthal schon ein Jahr überfällig.
Nach dem Skandal um die betrügerische NDR-Fernsehspielchefin Doris Heinze ist viel über Drehbücher gesprochen worden, aber nur wenig über Autoren. Dabei waren sie die Leidtragenden des Betrugs: Jedes realisierte Drehbuch von Heinze war gleichbedeutend mit dem Verdienstausfall eines freischaffenden Autors. Röskau allerdings war nicht betroffen: Geschichten über einen Mann, der ein Verhältnis mit der Freundin seiner Tochter anfängt, sind nicht seine Sache. Trotzdem hat er natürlich eine Meinung zu den Ereignissen, wie jeder Drehbuchautor.
Röskau genießt in der Branche höchste Anerkennung
Der Berufsstand sieht sich generell am Ende der Nahrungskette. "Im Grunde interessiert sich niemand für uns", sagt Röskau, "weder die Branche noch die Kritiker. Stünden wir öfter im Fokus, wäre Heinzes Betrug nicht möglich gewesen. Jeder Debütregisseur wird stärker wahrgenommen als Autoren, die ihren Beruf seit Jahrzehnten ausüben."
Für ihn selbst dürfte das allerdings kaum gelten. Spätestens der vielfach ausgezeichnete Zweiteiler "Contergan", zuvor aber schon das zeitgeschichtliche Drama "Das Wunder von Lengede" (Sat.1, 2004) haben ihm in der Branche höchste Anerkennung eingebracht. Dabei ist Röskau eigentlich eher durch Zufall zum Autor geworden: Während des Studiums Mitte der Achtziger verdiente er sich seinen Lebensunterhalt als Tontechniker, konnte auf diese Weise Regisseure bei der Arbeit beobachten und hatte Einblick in diverse Drehbücher.
Eigentlich träumte er von einer eigenen Regie. Das entsprechende Drehbuch hatte er schon fertig, bloß der Film kam nie zustande; aber dafür weitere Drehbücher. Durch seine praktische Erfahrung weiß er, was geht; und vor allem, was nicht geht.
Trotzdem braucht vermutlich kaum jemand so lange wie Röskau, bis ein Drehbuch fertig ist. Die Nachforschungen für "Contergan" zum Beispiel haben drei Jahre gedauert. Spätestens vor Gericht hat sich dann gezeigt, wie wertvoll die Recherche war: Die filmischen Fakten waren hieb- und stichfest.
Erfolgreich aber sind seine Geschichten aus einem anderen Grund. "Mich interessieren Menschen in aussichtslosen Situationen, die ihr Problem auf der kleinsten sozialen Ebene lösen: in der Familie." Das gilt sogar für einen Film wie "Romy", denn Romy Schneider "ist ja nicht künstlerisch gescheitert, sondern an ihrem Privatleben."
Im Zentrum von "Faktor 8" steht zwar ein Flugzeug, dessen Insassen tödliche Viren aus Thailand einschleppen, aber "wenn am Ende alle Stricke reißen, ist die einzige Institution, auf die man sich verlassen kann, die Familie."
Manchmal sind es die kleinen, schönen Dinge am Rande, die beeindrucken. Genau die zeigen wir in unseren Bildern des Tages.