Viele Auslandskorrespondenten in Jerusalem oder Tel Aviv kennen das mulmige Gefühl, das einen vor Recherchereisen nach Gaza beschleicht. Den Gedanken, bloß nicht einen dieser Tage erwischt zu haben, an denen unversehens die Hölle losbricht, mit Schießereien zwischen Hamas-Einheiten und Fatah-Bewaffneten oder einer israelischen Rakete, die eine "tickende Bombe" in persona hochgehen lässt.
Oft genug hat es Kollegen getroffen, wie etwa den Reuters-Mann Fadel Schanaa am 16. April. Gegen die tödlichen Splitter halfen ihm weder Presseschild noch schusssichere Weste. Noch gilt zwar der Waffenstillstand, aber Verlass ist darauf nicht.
Jeder Journalist hat das im Hinterkopf, wenn er am israelischen Grenzterminal Eres steht: Eine von zig Kameras überwachte Anlage mit ferngesteuerten Metalltüren, Röntgenkabinen und Sicherheitsschleusen, die passieren muss, wer rein oder raus aus Gaza will.
Vor allem die Ausreise kann Stunden dauern. Mit einem Redaktionsschluss ist das schwer kompatibel. "Eine Reise nach Gaza überlegt man sich dreimal", bekennt Karin Storch, ZDF-Korrespondentin in Israel, im Handbuch über deutsche Auslandskorrespondenten.
Gideon Levy wird bei solchen Kollegen-Klagen eher neidisch. Der israelische Journalist, der für Haaretz Reportagen aus der palästinensischen Wirklichkeit schreibt, war schon seit November 2006 nicht mehr in Gazastreifen, dem umzäunten Elendstreifen, in dem anderthalb Millionen Menschen leben: Israel hat all seinen Bürgern, einschließlich Ausländern mit dauerhafter Aufenthaltsberechtigung, grundsätzlich Fahrten in "feindliches Gebiet" untersagte. Man möchte keinen neuen Kidnapping-Fall.
Gideon Levy würde sofort fahren, wenn man ihn ließe. Doch ob Bürgerkrieg, Hamas-Putsch, Versorgungskrise oder Grenzdurchbruch in Rafah - die israelischen Medien berichteten aus sicherer Distanz. Man begnügt sich mit Telefoninterviews. "Weniger kann man sich gar nicht dafür interessieren, was eine Autostunde weiter weg in Gaza passiert", meint Levy sarkastisch, "man will es auch gar nicht wissen."
Direkt nach ihrer Machtübernahme vor einem Jahr hatte die Hamas die mediale Gegenoffensive gestartet. Journalisten wurden eingeladen, um sich anzusehen, wie frei und sicher man sich nach den Tagen von Chaos, Anarchie und Bürgerkrieg wieder in Gaza bewegen könne. Tatsächlich war es die Hamas, die seinerzeit den BBC-Korrespondenten Alan Johnston nach viermonatiger Geiselhaft aus den Händen des Dormusch-Clans befreite, eine Privatmiliz, deren Anführer mit globalen Dschihad-Ideen liebäugelt.
Inzwischen sperrt die Hamas-Polizei die eigenen Journalisten ein, die nicht auf Linie liegen. Nicht nur der palästinensische ARD-Kameramann Sawah Abu Saif bekam das bitter zu spüren, als maskierte Männer ihn am 25. Juli bei einer Großrazzia abführten, die auf einen Bombenanschlag hin vor einem Hamas-Cafe angeordnet worden war.
Am nächsten Tag wurden laut Informationen der Reporter Ohne Grenzen (ROG) zwei weitere Journalisten verhaftet: Fuad Jarrada und Amro Farra. Beide arbeiten für den Fernsehsender bzw. die Nachrichtenagentur der palästinensischen Autonomie-Regierung in Ramallah, mithin für die politische Konkurrenz der Hamas.
Der Einschüchterungsversuch wirkte. Mit Einzelheiten über in der Haft erlittene Misshandlungen oder gar Folter hielten sich die Betroffenen zurück. Man will die Hamas nicht weiter erzürnen.
Nicht dass die Fatah im Westjordanland sich viel besser verhält. So ließen ihre Sicherheitschefs jüngst zwei der Hamas nahe stehende Journalisten brutal verhören.
Und wie die Hamas in Gaza drei Zeitungen - "Al Ayyam", "Al Quds" und "Al Hayat Al-Dschadida" -- verbieten ließ, die der Fatah nahe stehen, verbannte die Autonomie-Regierung in Ramallah zwei Publikationen aus Gaza: "Al Risala" und "Al Falastin".
Was in Gaza geschieht, bleibt allerdings schon wegen der rigiden Blockade weit mehr unter Verschluss. Das ist vor allem dann zu spüren, wenn es um heikle Themen geht, die Hamas oder Fatah nicht ins Konzept passen. Die Vertreter der internationalen Medien reisen meist am nächsten Tag aus Gaza aus.
Manchmal sind es die kleinen, schönen Dinge am Rande, die beeindrucken. Die zeigen wir in unseren Bildern des Tages.