Drei Jahre nach dem Kauf des Berliner Verlags ziehen sich die Finanzinvestoren um David Montgomery wieder aus der deutschen Zeitungsbranche zurück. Die Unternehmensgruppe M. DuMont Schauberg (MDS), unter anderem Mehrheitseigentümerin der Frankfurter Rundschau, übernimmt jetzt von der britischen Mecom-Gruppe deren deutsche Aktivitäten.
Dazu gehören die Berliner Zeitung, der Berliner Kurier und die Hamburger Morgenpost, außerdem das Berliner Stadtmagazin Tip sowie die Netzeitung. Das Bundeskartellamt muss dem Kauf allerdings noch zustimmen, ebenso die Hauptversammlung von Mecom.
In der Unternehmensgruppe M. DuMont Schauberg erscheinen die Abozeitungen Kölner Stadt-Anzeiger und Kölnische Rundschau sowie die Kaufzeitung Express. Außer der Frankfurter Rundschau gibt MDS in Deutschland die Mitteldeutsche Zeitung in Halle/Saale heraus. Als einer der großen Zeitungsverlage in Deutschland hält MDS Beteiligungen an zahlreichen Anzeigenblättern, Hörfunksendern und Onlineunternehmen. Zu den nationalen Aktivitäten von MDS gehören außerdem der Bundesanzeiger Verlag, der DuMont Buchverlag sowie der DuMont Kalenderverlag. MDS erzielte im Geschäftsjahr 2007 mit mehr als 3500 Mitarbeitern 626,2 Millionen Euro Umsatz.
Vor drei Jahren hatte der Einstieg Montgomerys in Berlin für großes Aufsehen in der Medienbranche gesorgt. Die Redaktionen der Berliner Blätter wehrten sich - letztlich erfolglos - gegen die Investoren, deren erklärtes Ziel es war, möglichst hohe Renditen mit den Zeitungen zu erzielen.
Der Ire Montgomery, der zuvor bereits bei der englischen Mirror-Gruppe einen radikalen Sparkurs durchgesetzt hatte, wollte zudem eine Kette von Regionalzeitungen in ganz Deutschland aufbauen. Mit Ausnahme des Zukaufs der Hamburger Morgenpost und der ausschließlich online erscheinenden Netzeitung wurde daraus nichts.
In anderen europäischen Ländern hat Montgomery dagegen mehr als 300 Zeitungstitel gekauft, unter anderem in Norwegen, Polen und den Niederlanden.
Die Berliner Zeitung, das Flaggschiff des Verlages mit Sitz am Alexanderplatz, hat seit der deutschen Einheit eine turbulente Geschichte erlebt. Die ehemalige Bezirkszeitung der SED wurde in den neunziger Jahren unter Führung des Hamburger Zeitschriftenkonzerns Gruner+Jahr praktisch neu erfunden und mit hohen Ambitionen auf den hart umkämpften Zeitungsmarkt der Hauptstadt geschickt.
Trotz erfolgreicher finanzieller Sanierung trennte sich Gruner+Jahr 2002 von seinem Berliner Engagement und verkaufte den Verlag an die Stuttgarter Holtzbrinck-Gruppe. Weil Holtzbrinck in Berlin auch den Tagesspiegel herausgibt, untersagte das Bundeskartellamt diesen Zusammenschluss. Auch eine Ausnahmegenehmigung durch den damaligen Bundeswirtschaftsminister Wolfgang Clement (ehemals SPD) kam letztlich nicht zustande. Daraufhin reichte der Stuttgarter Konzern seine Berliner Neuerwerbung ungeachtet aller Proteste an Montgomery und seine Investoren weiter. Schon damals hatte M. DuMont Schauberg Interesse am Berliner Verlag bekundet.
Unter der Ägide des heute 61-jährigen Montgomery verlor die Berliner Zeitung erheblich an Auflage. Unmittelbar vor seinem Einstieg verkaufte das Blatt 186500 Exemplare täglich, zuletzt waren es 162 000. Zahlreiche Autoren, Blattmacher und Verlagsmanager verließen das Zeitungshaus. Der frühere Chefredakteur des Blattes, Uwe Vorkötter, leitet heute die Redaktion der Frankfurter Rundschau.
Auch der stellvertretende FR-Chef Rouven Schellenberger, Feuilleton-Chef Arno Widmann, die Geschäftsführerin von FR-Design, Annette Tiedge, und eine Reihe weiterer Redakteure kamen von der Berliner Zeitung zur FR.
Nicht zuletzt deshalb spekulierten einige Medien in den vergangenen Tagen, nach der Übernahme des Berliner Verlags könnte es künftig einen einzigen gemeinsamen Newsdesk beider Blätter geben, sei es in Frankfurt oder Berlin. In einer Pressemitteilung von MDS zu der Übernahme heißt es in aller Deutlichkeit, dass solche Berichte "substanzlos" seien. Im Übrigen verweist das Unternehmen darauf, dass man mit Rücksicht auf das Kartellamt vorläufig keine weiteren Erklärungen abgeben könne.
In einer sogenannten Ad-hoc-Meldung der an der Londoner Börse notierten Mecom wird der Verkaufspreis für die deutschen Beteiligungen auf 152 Millionen Euro beziffert. Nach Schätzungen aus Branchenkreisen hatte Montgomery vor drei Jahren insgesamt mehr als 250 Millionen Euro für die deutschen Blätter bezahlt. Der Erlös werde dazu dienen, die Schulden der Mecom-Gruppe deutlich zu senken, heißt es in der Mitteilung.
Montgomery steht seit Wochen unter enormen Druck seiner Banken, nachdem der Mecom-Aktienkurs dramatisch von einst 97 auf gerade noch zwei Pence abgestürzt ist. Die Schulden von Mecom belaufen sich auf mehr als 600 Millionen Euro. In einer persönlichen Stellungnahme zu dem Verkauf spricht Montgomery auch von einer Konzentration seiner Gruppe auf das Kerngeschäft. Bisher hatte er die Berliner Aktivitäten allerdings stets als Kern seiner Aktivitäten bezeichnet.
Die Kölner Unternehmensgruppe MDS setzt mit der Übernahme des Berliner Medienhauses ihre Expansionsstrategie fort. Im Jahr 2006 hatte die Gruppe mit einer Beteiligung von 50 Prozent und einer Stimme die Mehrheit an der Frankfurter Rundschau erworben. 40 Prozent der FR-Anteile hält die SPD-Medienholding DDVG, 10 Prozent liegen bei der Karl-Gerold-Stiftung. Ebenfalls im Jahr 2006 hatte sich das Familienunternehmen MDS mit 25 Prozent an der israelischen Haaretz-Gruppe beteiligt, die die führende Tageszeitung des Landes herausgibt.
Die Dienstleistungsgewerkschaft ver.di begrüßte den Einstieg von MDS in Berlin. Montgomery sei gescheitert, erklärte ein Sprecher der Gewerkschaft. Sein Scheitern dokumentiere, dass Investmentgesellschaften nicht die geeigneten Eigentümer in der Medienlandschaft seien. Ver.di erwarte, dass der neue Verleger in die Zeitungstitel und damit in Menschen und Qualität investiere. fr
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