Während Lokal- und Regionalzeitungen Leser verlieren, baut Bild just in diesem Segment aus - und zwar im Internet. Auf Bild.de finden inzwischen nicht nur Menschen aus Hamburg, Berlin und München täglich Klatsch und Tratsch sowie ein paar Nachrichten aus ihrer Region. Seit ein paar Tagen sind es auch die Leser und User in Frankfurt, dem Ruhrgebiet und Köln sowie in sechs weiteren Ecken der Republik, die Bild mit lokalen Informationen versorgen will. Zu den zwölf Portalen könnten noch ein paar hinzukommen: Insgesamt hat Bild 21 Redaktionen im Land.
Diese Aktion ist Teil einer Internetoffensive des Boulevardblattes. Für Bild arbeiten in Deutschland mehrere hundert Journalisten. Schon seit Jahrzehnten gilt der Spruch: Keine Ecke der Republik ist länger als 30 Minuten von einem Bild-Reporter entfernt. Genaue Zahlen wollte der Konzern aber nicht kommunizieren. Die Rede ist lediglich von "einem Netzwerk von rund 1000 Journalisten weltweit".
Invasion der Bild-Reporter
Die Verkaufszahlen sind hingegen transparent. Demnach wanderte Bild zuletzt täglich gut drei Millionen Mal über die Ladentheke. Die Auflage befindet sich zwar seit Jahren im Abwärtstrend. Das Blatt aus dem Springer-Konzern ist aber nach wie vor die auflagenstärkste Zeitung in Europa.
Um den publizistischen Stellenwert nicht zu verlieren, zieht Bild im Netz alle Register. Wer etwa durch Berlin-Mitte schlendert, stößt fast unweigerlich auf Video-Reporter, die Meinungen der Passanten abpassen, um sie dann online zu stellen. Mit Chefreporter Julian Reichelt haben sie bei Bild sogar einen Mitarbeiter, der Videoberichte aus Krisenregionen absetzt. Zuletzt etwa bei den Bombardements in Südossetien.
Viel wichtiger scheint aber ein Verwertungssystem, das den Kollegen vom Fernsehblog aufgefallen ist. Dort heißt es: "Erst sorgt Bild durch eine Veröffentlichung dafür, dass ein Thema vermeintliche Relevanz für andere Boulevardmedien erhält, und dann lizenzieren die Kollegen die passenden Bilder dazu."
Das geht so: Bild räumt Themen Platz ein, die eigentlich keine sind. Im konkreten Fall waren das leere Kassen von Frédéric Prinz von Anhalt, einem Medien-Promi der unteren Kategorie. Flankiert wurde das mit einem Video. Und da Fernsehsender bekanntlich häufig der Berichterstattung von Agenturen und Zeitungen hinterherlaufen, stießen sie bei ihrer Bild-Lektüre auf den "Pleite-Prinzen", wie das Blatt den Protagonisten nannte.
Schließlich kaufen die Sender für gut 1000 Euro pro Minute die Bild-Bilder ein. In diesem Fall wurde die Recherche des Boulevardblattes gleich zwei Mal mit Gebühren finanziert: Den "Pleite-Prinzen" zeigten sowohl "Brisant" - der Versuch der ARD, es Bild boulevardmäßig gleichzutun - als auch "Hallo Deutschland", die ZDF-Variante. Über solche Praktiken kann man sich ärgern.
Tatsache ist aber auch: Das alles ist unglaublich durchdacht. Und es funktioniert. Während etwa der Marktführer unter den Qualitäts-Nachrichten im Netz, "Spiegel Online", im Februar 550 Millionen einzelne Seitenabrufe zählte, waren es bei Bild.de 975 Millionen. Fast das Doppelte also. Teil dieses Erfolgs dürfte auch das Prinzip der Leserreporter sein.
Seit fast drei Jahren ruft Bild seine Fans auf, unter anderem "behördliche Schlampereien, Unfälle, Dramen" mit der eigenen Kamera zu dokumentieren, an die Handy-Kurzwahl 1414 zu schicken oder per E-Mail in die Redaktion zu senden. Für Foto-Abdrucke solcher Sensationen wie "Eisbrecher rammt Spree-Brücke" oder "Fuchs tiefgefroren!" winken bis zu 500 Euro. Ein Honorar, von dem manche Pressefotografen träumen. Einige sagten der FR: Von Unglücken können sie seltener etwas an das deutsche Boulevard-Flaggschiff absetzen. Dort heiße es dann: "Wir haben doch unsere Leserreporter."
"Die Qualität einer Agentur"
Eher beiläufig erklärte Bild-Chef Kai Diekmann neulich beim Sender Arte den Stellenwert, den die Leserreporter in seiner Redaktion genießen: An guten Tagen laufen in der Redaktion bis zu 4000 Fotos ein. Das habe inzwischen "die Qualität einer Agentur", behauptete Diekmann. Tausend Seiten seien allein 2008 mit den "1414-Fotos" aufgemacht worden.
Offiziell heißt es zudem: Seit Juli 2006 sind bei Bild mehr als 400 000 Leser-Fotos eingelaufen, von denen bis heute knapp 9600 gedruckt wurden. Honorar insgesamt: 1,7 Millionen Euro.
Bild hat zudem dafür gesorgt, dass ihre Leserreporter auch fleißig Videos in die Redaktion schicken. Im Dezember begann die Zeitung damit, beim Lebensmittel-Discounter Lidl Kameras zu verkaufen. Wer mit ihnen etwa gedreht hat, wie ein Polizist ohne Helm Motorrad fährt, muss die Kamera nur noch an seinen Computer anschließen. Eine mitgelieferte Software kümmert sich darum, dass die Bilder beim Boulevardblatt ankommen.
Einem amerikanischen Zeitungs-Experten offenbarte Diekmann neulich, in der ersten Verkaufsaktion habe Bild 21 000 Kameras verkauft. Zynisch formuliert bedeutet das: In der Republik laufen Zehntausende Video-Paparazzi rum. Das mag verwerflich sein für den Umgang miteinander. Erfolg versprechend für den Umsatz Springers ist das aber allemal.
Manchmal sind es die kleinen, schönen Dinge am Rande, die beeindrucken. Die zeigen wir in unseren Bildern des Tages.