Zum Regieren braucht es laut Gerhard Schröder bekanntlich nur Bild, BamS und Glotze - und so machte sich am Montag der frisch gekürte SPD-Kandidat Frank Walter Steinmeier auf den Weg zur erstgenannten Säule der Regierungen. Die Bild-Zeitung hat den Außenminister zu einer Premiere eingeladen: einer Kritik der aktuellen Ausgabe des Boulevardblattes, die anschließend als Video ins Internet gestellt wird und nun täglich veröffentlicht werden soll.
Bild hat nichts zu verbergen und reflektiert über den eigenen Journalismus - so die Botschaft der PR-Aktion, die am ersten Tag wenig Brisantes zu Tage fördert.
Vor der Runde der Bild-Redakteure lobt Frank Walter Steinmeier den "Mut" der Zeitung, die mit der öffentlichen Blattkritik "Enthüllungsjournalismus in eigener Sache" betreibe.
Gut gefällt Steinmeier auch der metapherngeschwängerte Artikel des Bild-Rumpelkommentators Hugo Müller-Vogg zur Finanzkrise ("Der freundliche Konjunkturhimmel hat sich verdüstert") und ein Beitrag zum Thema Bluthochdruck ("Warum er so gefährlich ist"). Der Vorabdruck aus Kurt Becks Memoiren sagt Steinmeier ebenfalls zu, weil deutlich werde, "wie schwierig die Tage am Schwielowsee für uns waren, und dass persönliche Verletzungen zurückbleiben".
Irreführend findet der Außenminister die Überschrift "Gift in Baby-Milch - Auch Nestlé betroffen!", da man befürchten könne, hiesige Milch sei vergiftet, und nicht wisse, dass es um China gehe. Bild lernt schnell: "China-Gift auch in Nestlé-Produkt", korrigiert die Redaktion prompt die Internetseite der Zeitung. Zur Bild-Zeitung passt "China-Gift" so gut wie "Benzin-Wut", "Renten-Angst" oder "Sex-Monster".
Immerhin einen Artikel findet Steinmeier richtig schlecht: Einen aufgeblasenen Bericht über einen Mann, der tödlich auf einer Motorrad-Fahrt verunglückte, die seine Frau ihm zum Geburtstag geschenkt hatte. "Da fragt man sich als Leser, ob die Frau nicht schon genug gelitten hat", so Steinmeier.
Mit der Antwort des Bild-Chefs Kai Diekmann, man müsse eben auf die Gefahren des Motorradfahrens hinweisen, gibt sich der Außenminister aber zufrieden. Überhaupt ist der Kritiker ganz zahm und leutselig, so dass Diekmann am Ende fast ein wenig enttäuscht klingt: "Sie hätten ruhig noch viel strenger sein können." Doch bei Bild bleibt der Kanzlerkandidat bis zum Schluss brav.
Für Medienexperten, die das Boulevardblatt schon länger beobachten, war Steinmeiers Auftritt eine Farce. "Insbesondere die persönlichkeitsrechtsverletzende Schicksalsberichterstattung ist und bleibt ein wesentlicher Bestandteil der Zeitung", sagt Christoph Schultheis vom Bild-Blog. "Der Bild-Journalismus wird nicht selbstkritischer und weniger verletzend, wenn Steinmeier, der von Bild seit Jahren zum Kanzlerkandidaten hochgeschrieben wird, ein kritisches Wort darüber verliert."
Noch schärfer die Kritik Gerhard Henschels, der über Bild das Buch "Gossenreport" veröffentlicht hat: "Wenn der Außenminister nichts Besseres zu tun hat, als die Redaktion eines Dreckblatts zu beraten und sie für dieses Wagnis' zu loben, dürfen sich jetzt wohl auch die Redakteure der Magazine ,Super-Möpse' und ,Monster-Titten' Hoffnung auf Steinmeiers Unterstützung machen."
Manchmal sind es die kleinen, schönen Dinge am Rande, die beeindrucken. Die zeigen wir in unseren Bildern des Tages.