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Bloggende Journalisten: Digitale Leitwölfe

Zur Fortsetzung des Erfolgsbandes "Die Alpha-Journalisten" - jetzt mit Internet-Anschluss. Von Harald Keller

Katharina Borchert, Online-Chefin der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung WAZ, ist eine der raren weiblichen Journalisten-Blogger.
Katharina Borchert, Online-Chefin der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung WAZ, ist eine der raren weiblichen Journalisten-Blogger.
Foto: dpa

Nicht ohne Stolz notieren Stephan Weichert und Christian Zabel in einer Fußnote ihres neuen Buches, dass der von ihnen geprägte Begriff "Alpha-Journalisten" mittlerweile in den Sprachgebrauch eingegangen ist.

"Alpha-Journalisten" nannten die Herausgeber Weichert und Zabel 2007 eine Sammlung von Porträts namhafter und einflussreicher Journalisten. Nun folgt eine Fortsetzung gleichen Titels, erweitert um den Zusatz "2.0", der Bezug zum Internet herstellt. Denn die im Buch vorgestellten Protagonisten sind nicht ausschließlich, aber doch in besonderem Maße durch diverse Internet-Unternehmungen bekannt geworden.

Das Buch

Stephan Weichert/Christian Zabel (Hg.): Die Alpha-Journalisten 2.0. Herbert von Halem-Verlag 2009, 285 Seiten, 19,80 Euro.

Nützlich an diesem Buch sind seine einleitenden Aufsätze. Der Journalistikprofessor Weichert und der frühere Journalist und heutige Telekom-Mitarbeiter Christian Zabel liefern eine bündige Zusammenfassung der jüngsten Entwicklungen im Bereich der Publizistik. In Kombination mit dem Beitrag von Annette Milz über das Selbstverständnis des journalistischen Nachwuchses und Thomas Schulers Analyse der Wechselwirkungen von Internet und herkömmlichem Journalismus entstand eine kompakte Momentaufnahme. Mit ausführlichen Quellenangaben sind Anknüpfungspunkte für die weiterführende Beschäftigung gegeben.

Gleichwohl gilt eine Einschränkung, die auch die Auswahl betrifft. In Weicherts und Zabels bisweilen tollkühner Diktion handelt es sich bei den auserkorenen Personen um "digitale Leitwölfe" beziehungsweise um, noch eine bislang unbekannte Tierart, die neuen "Agenda-Setter". Ein einziges Heulen und Bellen im Internet? Vor allem aber erhebt sich die Frage: Sind diese durchweg wohlwollend porträtierten Vertreter der digitalen Bohème, nur weil sie Worte ins Internet setzen, schon automatisch Journalisten?

Und wie verhält es sich eigentlich mit der tatsächlichen Reichweite? Werden Internet-Kolumnisten, vulgo Blogger, und andere Heimwerker nicht vorrangig von Ihresgleichen gelesen, vor allem wenn sie sich, wie neuerdings der Szene-Star Robert Basic, auf Gemeindebriefe zum Thema "Mobile-Computing-Trends" beschränken?

Zwar sorgte kürzlich ein Blog-Eintrag von ARD-aktuell-Chefredakteur Kai Gniffke für Furore. Dies aber erst, nachdem Printmedien den Kasus aufgegriffen und einer größeren Öffentlichkeit vermittelt hatten. Einige der vorgestellten Meinungsführer besitzen eine journalistische Ausbildung, arbeiten parallel für herkömmliche Medien und zehren vorrangig von dieser Tätigkeit.

Andere Berühmtheiten der Internet-Gemeinde bloggen nebenberuflich, das heißt mit anderweitigem finanziellen Standbein, denn die Blog-Wartung rentiert sich selten. Sie deckt auch nicht die Kosten, die durch aufwändige Recherchen entstehen. Es erscheint somit als entweder gedankenlose Gleichsetzung oder aber verkaufsstrategisch motivierte Toleranz, wenn Herausgeber und Autoren neben gehaltvolleren Äußerungen auch subjektive Betrachtungen und sprachliches Larifari mit dem hochtrabenden Terminus "Alpha-Journalismus" belegen.

Manche der Porträtierten schreiben überhaupt nur (noch) selten, sortieren Leserzuschriften oder befassen sich mit der Verwaltung von eingesandten Kommentaren, dem Sammeln von Informationen und der Herstellung von Querverbindungen, dem "Verlinken", so etwa Thierry Chervel auf der weitgehend nach Lust und Laune selektierenden Web-Seite "Perlentaucher".

Stefan Niggemeiers "Bildblog" lebt, wie der Betreiber freimütig einräumt, wesentlich von den Beiträgen der Leser. Eine solche Seite ist ein digital beschleunigtes Schwarzes Brett; eher öffentliches Forum als klassisches "Autorenwerk".

Auch an der redaktionellen Betreuung des Buches darf man mäkeln. Die gröbste Fehlleistung: In Jan Feddersens Text mit dem seltsamen Titel "Der Crashtest-Dummy" findet sich eine überflüssige "Anmerkung der Redaktion" - ein Überbleibsel aus der Erstveröffentlichung in der taz vom 19. Februar 2009 und damit Erinnerung an eine weitere Nachlässigkeit Feddersens, die immerhin nicht ins Buch gelangte. Drolligerweise beschwört Jan Feddersen am Beispiel des Interviewpartners Niggemeier handwerkliche Tugenden, die er selbst nicht einhält. So amüsiert das Buch auch noch mit schönster unfreiwilliger Komik.

Autor:  Harald Keller
Datum:  20 | 8 | 2009
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