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Britische Presse: Lifting eines 219-Jährigen

Der letzte Versuch: Der britische Oberserver, das älteste Sonntagsblatt der Welt, kämpft ums Überleben. Ob das neue Erscheinungsbild hilft, ist mehr als fraglich. Von Barbara Klimke

Der Observer ist die älteste Sonntagszeitung der Welt. Nun steht er vor dem Aus.
Der Observer ist die älteste Sonntagszeitung der Welt. Nun steht er vor dem Aus.
Foto: dpa

Es war 1791, als ein Bündnis von Indianerstämmen die US-Armee am Wabash River verheerend schlug. Im selben Jahr scheiterte die Flucht Ludwig XVI. vor Frankreichs Revolutionären. In Weimar wurde das Hoftheater eröffnet, in Wien starb Mozart mit 35 Jahren. In England kam eine neue Zeitung auf den Markt, The Observer: Sie sah ihre Aufgabe in der "Verbreitung jeder Art von Wissen, welches das Glück der Gesellschaft zu steigern vermag". Die Welt drehte sich weiter, auch weniger beglückende Nachrichten wurden abgedruckt, und die Zeitung hält sich bis heute - wenn auch oft nur mit Mühe.

Der Observer, die erste Sonntagszeitung der Welt, hat sich am Wochenende wieder einmal ein neues Erscheinungsbild verpasst: Die Wirtschaftsseiten sind dem Politikteil einverleibt, der Reiseteil ist weg, auch die Sondermagazine für Sport, Musik und Frauen wurden eingestampft. Nur die Restaurant- und Kochbeilage hat sich gehalten. Dass dieser Umbau das Ziel hatte, den Titel zu stärken, behauptet der Herausgeber Guardian News and Media (GNM) gar nicht erst. "Der Observer hat einige Beilagen eingestellt, um langfristig die Zukunftsfähigkeit des Produkts zu erhalten", sagt ein Sprecher.

Der Observer (deutsch: Beobachter) mit seiner Auflage von 438 000 Exemplaren war selten profitabel, seit ihn 1993 die Guardian Media Group übernahm. GNM, der Unternehmensbereich, in dem die Tageszeitung Guardian, der Observer sowie Guardian.co.uk erscheinen, hatte 2008/2009 einen operativen Verlust von 36,8 Millionen Pfund (41,8 Millionen Euro) zu verzeichnen. Im laufenden Geschäftsjahr wird das Minus vermutlich in derselben Größenordnung liegen. Die gemeinnützige Stiftung Scott Trust, der die Guardian-Gruppe gehört, hatte im Sommer bereits die Schließung der alten Sonntagszeitung erwogen. Der Trust ist laut Statut zwar verpflichtet, dafür zu sorgen, dass der Guardian "in Ewigkeit" erscheint; aber das gilt nicht für Neuzukäufe - auch nicht, wenn sie 219 Jahre alt sind.

Nur noch 70 Journalisten

Doch das Traditionsblatt der bürgerlichen Linken, für das schon George Orwell schrieb, fand noch einmal Gnade vor den Buchhaltern. Stattdessen muss GNM über 100 Stellen streichen. Nur 70 Journalisten bleiben dem Observer künftig erhalten. Alle übrigen Redakteure werden künftig für beide Titel arbeiten.

Erst vor wenigen Tagen hat die Guardian Media Group angekündigt, dass sie sich von ihrem Regionalgeschäft trennt. 32 Titel im Nordwesten und Süden Englands werden für 44,8 Millionen Pfund ans Unternehmen Trinity Mirror gehen, darunter die 1868 gegründeten Manchester Evening News.

Unterdessen ist der liberale Independent, das jüngste überregionale Qualitätsblatt, so verschuldet, dass eine Übernahme durch den Russen Alexander Lebedew erwogen wird. Lebedew, einst KGB-Agent in London, hatte voriges Jahr bereits 75,1 Prozent am Evening Standard erworben. Die Verhandlungen dauern an.

Der Observer hingegen hat auch Sonntagsnummer 11 390 überstanden. Sorgen ist das Blatt übrigens gewöhnt. 1794, nur drei Jahre nach der Gründung, wollte Besitzer W. S. Bourne seine wenig profitable Zeitung wieder abstoßen, doch niemand griff zu. Schließlich willigte die Regierung ein, das Blatt zu sponsern und gab im Gegenzug die politische Richtung vor. Auch davon hat sich der Observer erholt: Am Sonntag beschrieb er auf der Titelseite ausführlich die Wutausbrüche von Premierminister Brown.

Autor:  Barbara Klimke
Datum:  22 | 2 | 2010
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