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Castingshow bei Vox: Du musst dein Herz öffnen

Emanzipation vom Image als ewiger Kochsender: Vox will mit seiner neuen Castingshow "X Factor" auf jeden Fall ernsthafter als DSDS sein. Von Peer Schader

Moderator Jochen Schropp (l.) mit den Juroren Till Broenner (v.l.), Sarah Connor und George Glueck.
Moderator Jochen Schropp (l.) mit den Juroren Till Broenner (v.l.), Sarah Connor und George Glueck.
Foto: ddp

Zählen wir doch mal durch: "Promi-Kocharena", "Das Perfekte Dinner", "Die Küchenchefs" - das sind die Sendungen bei Vox, die derzeit weitestgehend mit dem Thema Nahrungsmittelzubereitung zu tun haben. Eine klassische Kochsendung ist beim Kölner Sender schon lange nicht mehr im Programm, Tim Mälzer hat sich zur ARD verabschiedet, und trotzdem ist Vox für viele immer noch "der Kochsender".

In den kommenden Monaten will sich Vox ein bisschen von diesem Image emanzipieren, um neue Zuschauer hinzuzugewinnen. Ende August startet die aus Großbritannien importierte Castingshow "X Factor", die ähnlich funktioniert wie "Deutschland sucht den Superstar": Eine Jury bewertet Auftritte von Menschen, die glauben, sie könnten singen. Im Unterschied zu DSDS sind den Kandidaten jedoch keine Altersgrenzen gesetzt. Dazu verstehen sich die Jurymitglieder zugleich als Mentoren, die Teilnehmer persönlich fördern und somit in Konkurrenz zueinander treten. Am Ende der Auswahlphase bleiben neun Sänger übrig, die sich in Liveshows dem Publikum stellen.

Während DSDS im siebten Jahr endgültig zur Dokusoap mit Gesangseinlagen umfunktioniert wurde, soll es bei "X Factor" wieder stärker um das eigentliche Talent der Kandidaten gehen. Zwar wird auch Vox nicht auf Teilnehmer verzichten, die keinen blassen Schimmer haben, dass sie gesangliche Totalausfälle sind. Den Zorn eines Dieter Bohlen müssen die Bewerber aber nicht fürchten.

Bei "X Factor" hat Sängerin Sarah Connor den Juryvorsitz. Und ist, wie Ausschnitte erahnen lassen, eher damit beschäftigt, ihre Tränen zu kontrollieren - weil alles so furchtbar "emotional" ist. "Du musst dein Herz öffnen, wenn du zu uns kommst, wir machen das auch", sagt Connor und schließt ihre Jurykollegen, den Trompeter Till Brönner und den Produzenten George Glueck, mit ein.

"X Factor" solle "zwischen DSDS und ,Unser Star für Oslo‘" positioniert werden, erklärte Vox-Senderchef Frank Hoffmann bei der Präsentation der Show am Montagabend in Hamburg, was wohl vor allem bedeutet: nicht so krawallig wie bei RTL, aber näher am Privatleben der Teilnehmer als Stefan Raabs reine Musikshow. Dabei heißt die eigentliche Konkurrenz natürlich "Popstars", das ebenfalls im August auf ProSieben in die nächste Runde geht.

Um dem eigenen Show-Experiment einen entsprechenden Anschub zu verschaffen, überlässt Hoffmann die Premiere von "X Factor" dem großen Bruder: Die ersten beiden Folgen laufen am 20. und 21. August auf RTL. Erst danach übernimmt Vox in der Hoffnung, viele Zuschauer von RTL mitzunehmen, wenn "X Factor" auf dem regulären Sendeplatz am Dienstagabend gezeigt wird.

Was die Reichweite angeht, ist der Deal mit RTL, das zur selben Mediengruppe wie Vox gehört, nachvollziehbar. Wenn die Sendung aber tatsächlich so wird wie von Vox angekündigt, könnte es aber genauso gut sein, dass sie beim RTL-Publikum durchfällt: Das ist bei Castings eher fiese Sprüche und Kandidatenverspotten gewöhnt, weniger den ernst gemeinten Wettbewerb.

Für Vox ist "X Factor" vor allem deshalb wichtig, weil sich damit ein neues Thema besetzen ließe - jenseits von Kochen, Auswandererreportagen und Haustiersendungen. Im Erfolgsfall könnte die Castingshow den Anschub leisten, den Hoffmann braucht, um zu größeren Konkurrenten wie Pro Sieben und Sat.1 aufzuschließen. Denn so zuverlässig US-Serien und Dokusoaps auch sind: Wachstum lässt sich damit nur noch in geringem Maße erzielen.

Der Vox-Chef hatte in Hamburg aber noch eine andere Erklärung für das "X Factor"-Wagnis: "Erstens ist ein X im Titel und zweitens entspricht das Logo der Sendung genau den Vox-Farben - das mussten wir also einfach machen." Dabei ist das Risiko gar nicht mal so klein: Sollte das Experiment schiefgehen, gibt es kaum Programmalternativen: Sonst sind nur wenige neue Eigenproduktionen angekündigt, ausschließlich Dokusoaps. Ein wesentlicher Anteil des Senderbudgets dürfte für "X Factor" draufgehen.

Am wenigsten kalkulierbar ist, ob Vox mit der Show nicht zu spät kommt und die Deutschen langsam Castingshow-müde sind. Jury-Chefin Sarah Connor versprach am Montag jedenfalls: "Wir suchen jemanden, der Deutschland im Sturm erobern kann - und danach vielleicht die ganze Welt." Blöd nur, dass Deutschland so jemanden gerade schon gefunden hat. Sie heißt Lena und macht gerade Urlaub.

Autor:  Peer Schader
Datum:  6 | 7 | 2010
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