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Medien

23. November 2012

Castingshow: Lahmer Ritt auf altem Gaul

 Von Peer Schader
Musiker und Coaches der ProSieben-Castingshow "The Voice of Germany".Foto: dpa

Sinkende Quoten, schlechte Ideen: Was ist bloß los mit den Castingshows im deutschen Fernsehen? Die Sender suchen nach neuen Konzepten, um das Interesse zur Zuschauer zurück zu bekommen.

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Gerade hat es ARD-Unterhaltungskoordinator Thomas Schreiber offiziell gemacht: Bei ihrer Suche nach einem deutschen Vertreter für den nächsten Eurovision Song Contest verzichtet das Erste im nächsten Februar auf ein neues Casting. Statt der aus den vergangenen Jahren bekannten Vorauswahl gibt es diesmal – wie früher schon – nur eine einzige Show, in der vor allem, wie es heißt, „namhafte Bands“ antreten sollen. Die Hörer der ARD-Radiowellen, die Zuschauer der Livesendung und eine Expertenjury entscheiden gemeinsam, wer im Mai für Deutschland nach Malmö fährt. Pro Sieben ist als Kooperationspartner nicht mehr dabei, die ARD will aber weiter mit Stefan Raabs Produktionsfirma Brainpool zusammenarbeiten, die vor drei Jahren halfen, „Unser Star für Oslo“ zum Erfolg zu machen.

Es soll zackiger werden

Der Entschluss ist nachvollziehbar: Obwohl mit Roman Lob in diesem Jahr ein sympathischer Lena-Nachfolger gefunden wurde, schleppte sich die mehrwöchige Entscheidungsfindung „Unser Star für Baku“ zum Jahresbeginn mit enttäuschend geringem Zuschauerinteresse ins Ziel. Diesmal soll es wieder zackiger gehen. Der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung sagte Schreiber: „Casting hat sich aus meiner Sicht totgeritten.“

Ganz so einfach ist es nicht, aber eine gewisse Casting-Müdigkeit des Publikums hat auch Vox zu spüren bekommen, wo an an diesem Sonntag „X Factor“ zu Ende geht. Gerade einmal 1,22 Millionen Zuschauer interessierten sich in der vergangenen Woche für das Halbfinale – so wenige wie nie zuvor. Überragende Quoten hatte das Vox-Casting nie. Aber die dritte Staffel muss der Sender nun endgültig als Flop abhaken.

Dabei unternahmen die Verantwortlichen von Anfang an alles, um das Konzept der Show aufzupeppen. Die Jury wurde ausgetauscht und erweitert, nur Sarah Connor blieb. Ein neuer Ablauf und veränderte Regeln sollten für mehr Spannung sorgen. Vox versprach „außergewöhnliche Backstage-Perspektiven“ in die Castings zu integrieren und schaltete, während die Bewerber auf der Bühne die Jury zu überzeugen versuchten, ständig hinter die Bühne, um zu dokumentieren, wie die Mitbewerber reagieren. Das war nicht nur störend, sondern auch eine ziemliche Mogelei:

Weil manche der dazwischen geschnittenen Kommentare zu einem völlig anderen Zeitpunkt aufgenommen worden waren. In der stark gekürzten Liveshow-Phase verzichtete Vox außerdem darauf, die Jury entscheiden zu lassen, welchen ihrer Favoriten sie am Ende jeder Show gehen lässt.

Anstatt mit dem neuen Konzept Zuschauer hinzuzugewinnen, hat Vox bisherige Stammseher vertrieben. Aus Sendersicht war das Risiko dabei durchaus nachvollziehbar. Weil das Publikum nämlich längst nicht mehr selbstverständlich einschaltet, wenn Kandidaten im Fernsehen um die Wette singen. Aus diesem Grund wird gerade an allen großen Castingshows im deutschen Fernsehen geschraubt.

Schneller entscheiden, mehr Spannung ?

ProSieben und Sat.1 sind zwar weiter ziemlich zufrieden mit ihrem Neustart „The Voice of Germany“, das vor einem Jahr zum Überraschungserfolg wurde, auch dank der prominent besetzten Jury mit Nena und Xavier Naidoo. Ausschlaggebend war aber insbesondere die Neugier des Publikums auf das ungewöhnliche Grundprinzip der Sendung: Talente werden von ihren Mentoren alleine der Stimme wegen ausgewählt, bei ihrem ersten Auftritt sitzen die Stars mit dem Rücken zu den Bewerbern.

Diese Stärke ist zugleich der größte Schwachpunkt. Wenn die Auswahlphase erstmal abgeschlossen ist, wird nämlich auch „The Voice of Germany“ zu einer Castingshow unter vielen. Das spiegelt sich in den Quoten: In der Startwoche Mitte Oktober hatten noch mehr als fünf Millionen Zuschauer eingeschaltet, am Donnerstag waren nur knapp über drei Millionen dabei, auch wegen der starken Konkurrenz durch das parallel laufende Prominentenspecial von „Wer wird Millionär?“ bei RTL.

Mit einem flotteren Entscheidungsmodus in den Liveshows wollen ProSieben und Sat.1 die Spannung halten. Ob das klappt, zeigt sich in den kommenden Wochen. Das Finale von „The Voice of Germany“ läuft, anders als bei Staffel 1, bereits Mitte Dezember. Überschneidungen mit „Deutschland sucht den Superstar“ (DSDS) wird es diesmal also keine geben. Aber auch so steht für RTL genug auf dem Spiel: In der zehnten Staffel, die im Januar startet, muss Alphajuror Dieter Bohlen verkraften, dass neben ihm Musikpromis sitzen, die sich nicht so leicht vom RTL-Castingveteranen über den Mund fahren lassen. RTL hat die Tokio-Hotel-Brüder Bill und Tom Kaulitz sowie Culcha-Candela-Frontmann Itchy verpflichtet, um DSDS neuen Schub zu geben. Der hat in der im Frühjahr zu Ende gegangenen neunten Staffel gefehlt. Das Finale sahen so wenige Zuschauer wie in keinem Jahr zuvor.

Schonfrist nicht für alle

Die endgültige Castingshow-Dämmerung wird aber noch eine Weile auf sich warten lassen. Zumindest bei den großen Privatsendern. Sowohl „The Voice of Germany“ als auch DSDS erreichen immer noch so viele Zuschauer wie kaum eine andere Produktion. Dazu kommt, dass kein Sender dem anderen kampflos das Feld überlassen will. Und dass zum Beispiel RTL vor dem Problem stünde, sämtliche Sendeplätze zu füllen, die im Falle einer Pause von DSDS frei würden.

Die Schonfrist gilt längst nicht für alle Shows. Bei ProSieben ist „Popstars“ im Herbst trotz einjähriger Pause dermaßen gefloppt, dass es tollkühn wäre, die Sendung sofort in eine nächste Runde zu schicken. Und die Fortsetzung von „X Factor“ ist für Vox schon deswegen heikel, weil die Show ein Großteil des Programmbudgets für Eigenproduktionen des Senders verschlingt. Das könnte für andere Neustarts eingesetzt werden, die günstiger zu produzieren wären. Zunächst einmal muss sowieso das Finale über die Bühne gebracht werden. Am Freitag kündigte Vox einen Gaststar an: den „Voice of Germany“-Coach Xavier Naidoo, der mit seinem früheren Produzenten, dem derzeitigen „X-Factor“-Juror Moses Pelham, auftreten soll. So deutlich hätte die Kapitulation vor der Konkurrenz dann aber doch nicht sein müssen.
X Factor, So., 20.15 Uhr, Vox

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