Mehr als eine Million Exemplare ihres Romans "Feuchtgebiete" wurden verkauft. Charlotte Roche hat damit wahrscheinlich die erfolgreichste Erstveröffentlichung der deutschen Buchgeschichte vorgelegt. Dieser Erfolg mag ein Rätsel sein.
Ganz und gar sicher aber ist: Die 5-teilige 3Sat-Serie "Charlotte Roche unter...", die am Mittwoch Abend um 23.15 Uhr mit "Charlotte Roche unter Bestattern" startet, wird ein totaler Flop. Doof allein wäre kein Grund für einen Misserfolg.
"Charlotte Roche unter ...", 3sat, 23.15 Uhr.
Schräg doof ist ja spätestens seit Frau Verona Pooth auch bei Frauen ein Erfolgsrezept, gefährlich doof wäre eine noch zu füllende Marktlücke im aktuellen deutschen Fernsehgeschäft. Charlotte Roches harmlos doof aber ist zum Gähnen langweilig.
Beim Bestatter Ferdinand Pfahl wird sie nicht müde, darauf hinzuweisen, dass ihr die Knie zittern, dass sie richtig Angst habe, sie müsse sich übergeben oder sie würde bewusstlos - beim Gedanken daran, dass in den Särgen Tote liegen.
Beim Jäger Hildebrandt staunt sie darüber, wie Tieren das Fell über die Ohren gezogen wird, und kommt nicht klar damit, dass man, will man Wild schießen, auf dem Hochstand schweigen muss. Nichts langweiliger aber - wir ahnten es schon - als eine Fahrt mit einem Trucker, wenn man sich nicht für ihn und seine Geschichten interessiert, sondern es vorzieht, die eigenen herauszupiepsen.
Hier die Stimmlage ins Spiel zu bringen, ist keine unsachliche Stimmungsmache. Sie gehört zur Marke Roche dazu. Wie ihr Augenaufschlag und die Art ihrer Direktheit. Die fünf Sendungen - man kann sie schon jetzt bei www.3sat.de sehen - zeigen vor allem Charlotte Roche. Eine dreißigjährige Frau, die sich ihren Interviewpartnern gegenüber verhält wie eine kokettierende Elfjährige, die Papa dazu überreden möchte, ihren Kindergeburtstag zu finanzieren. Das ist ganz und gar nicht bildschirmfüllend.
Einen Reiz haben die Sendungen freilich doch: Man ist dabei, wie jeder der Herren - Bestatter, Jäger, Altenpfleger etc. - die zarte Elfe Roche freudig begrüßt. Dann kühlt die Beziehung rasch ab und sprachlose Interesselosigkeit breitet sich zwischen Frau Roche und den Herren aus.
Da ist nichts, worüber sie sprechen, nichts, was sie gemeinsam anschauen, was sie gemeinsam anhören könnten. Dem Laien ist ein Rätsel, wie man es schaffen kann, aus einem vielstündigen Aufenthalt in einem Altersheim eine halbe Stunde Langeweile herauszupressen.
Die hochtourige Aufgedrehtheit der Charlotte Roche wird dabei eine Rolle spielen. Der Bestatter erzählt ihr, er habe es nicht ertragen können, in der Öffentlichkeit den guten Ehemann, den funktionierenden Unternehmer zu spielen, während er gleichzeitig überlegte sich umzubringen, weil er mit seinen Schuldgefühlen, weil er seine Frau betrog, nicht klarkam. Charlotte Roche gickst ein wenig und geht weiter. Wann immer es ernst werden könnte, erstickt sie den kleinsten Funken davon in einer Wolke aus zur Schau getragener piepsender Harmlosigkeit.
Die Sendung heißt "Charlotte unter...". Nicht "Charlotte bei...". Also nicht bei Bestattern, Jägern, Altenpflegern, sondern "unter". Das Anzügliche ist gewollt und gekonnt, und dass sich auch nach 23 Uhr nichts daraus ergibt, ist ebenso gewollt und gekonnt. 30 Prozent ihrer Fans, meint Charlotte Roche, seien "sehr alte Männer". Das versteht man sofort. Charlotte Roche ist der glückliche Fall einer Frau, die die dreißig überschritten hat und noch immer das Girlie zu mimen versteht. Man hat also den Genuss und außerdem noch das Vergnügen, diesseits des Gesetzes zu bleiben.
Also auch so betrachtet: harmlos. Charlotte Roche gibt keinen Grund zur Aufregung. Wem das eine Empfehlung ist, der mag diese Filme sehen. Aber nach 23 Uhr wird niemand mehr von denen wach sein, die durchs Fernsehen ruhig gestellt werden wollen. Aber es mag Menschen geben, die durch aufgeregt vorgetragene Nichtigkeiten beruhigt werden. Die durch die Tonlage erzeugte Spannung wird durch das Gesagte so angenehm abgebaut.
Manchmal sind es die kleinen, schönen Dinge am Rande, die beeindrucken. Genau die zeigen wir in unseren Bildern des Tages.