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China statt Chanel: Der Rest der Welt als Staffage

Wie Chinas Fernsehen den Medaillenrausch der Nation feiert und inszeniert.

Die Olympischen Spiele sind im chinesischen Fernsehen eine rein nationale Angelegenheit.
Die Olympischen Spiele sind im chinesischen Fernsehen eine rein nationale Angelegenheit.
Foto: rtr

Im edlen Beijing Department Store gehen die Schönheiten im Parfümverkauf in Habachtstellung, als aus einem der großen Flachbildschirme wieder die Nationalhymne bei einer Siegerehrung ertönt. China statt Chanel: Es ist fast ein Symbolbild für diese olympischen Tage, in denen sich das Gastgeberland an seinen Siegen berauscht, in denen es vor allem eins gern und oft tut - sich selbst feiern. Wer auf den bescheidenen chinesischen Fanmeilen, in Restaurants, Bars oder Shopping-Malls die Wettkämpfe verfolgt, dem bleibt auch nichts anderes übrig: Denn CCTV (Central China Television), der Staatssender, hat eigentlich nur die eigenen, die chinesischen Athleten im Blick.

Endlose Heldengeschichte

Ob auf CCTV 1, CCTV 2, CCTV 6 oder CCTV 12 - China ist fast immer mit im Spiel, und zwar bevorzugt mit seinen großen Siegen. "Man könnte glauben, dass bei diesen Olympischen Spielen nur eine große Nation am Start ist, mit dem Rest der Welt als Staffage", sagt vor einem überdimensionalen TV-Monitor in der "Oriental Plaza Mall" ein Schwimmer aus den Niederlanden, "die Chinesen sind sich selbst genug."

Olympia bei CCTV ist wie eine endlose Heldengeschichte chinesischer Triumphe - mit patriotisch glühenden Moderatoren, die ins Mikrofon brüllen, wie gut die Athleten "im Namen der nationalen Ehre" ihre Sache gemacht haben. In einer Abendshow auf CCTV 4 schreiten die Sieger noch einmal wie ein Trupp Soldaten auf die Bühne, frenetisch gefeiert vom fähnchenschwenkenden Publikum. "China, China, China" gellt von den Rängen, bis der Moderator die Ovationen für seine Interviews unterbrechen muss.

Das Erbauungsfernsehen, das bei aller Modernität der Übertragungen an Ostblock-TV von anno dazumal erinnert, ist nicht der Geschmack aller Chinesen: Wer durch die Wangfujing Street schlendert, die angesagte Einkaufsmeile der 17-Millionen-Metropole Peking, entdeckt viele junge Leute, die das Mattscheiben-Spektakel kalt lässt. Ein punkig aufgemachter Schüler sagt, er habe das Interesse an Olympia verloren, "weil ich keine Geschichten über ausländische Stars anschauen kann"; eigene Karten für die Leichtathletik und das Schwimmen habe er sowieso nicht gekriegt.

Da geht es ihm nicht besser als den meisten sportbegeisterten Chinesen, die nun aufs Fernsehen angewiesen sind: Denn nur 40 Prozent aller Olympia-Karten gingen an den nationalen Markt, der Rest versickerte in den Händen der großen olympischen Familie einschließlich der Mega-Sponsoren. Es schmerze ihn selbst, sagt der Chef des Organisationskomitees, Liu Qi, "dass es so große leere Flächen in den Stadien gibt". Aber die Lösung des Problems war dann, dass das Komitee Claquere und Fabrik-Arbeiter-Darsteller in die Arenen beordert.

Chinas Fernsehen sei zwar an Olympia, nicht aber an den Olympioniken interessiert, hat die Bloggerin Marina Hyde unlängst im englischen Guardian geschrieben - zu Recht: Denn seit Li Ning, der Sportartikel-Unternehmer und ehemalige Turn-Olympiasieger die Flamme im "Vogelnest" entzündete, sucht man in CCTV und so auch in China vergeblich nach Geschichten, wer denn diese Medaillengewinner sind und was hinter ihren Triumphen steckt. Selbst Schwimm-Champion Michael Phelps blieb ein oberflächlich wahrgenommenes es Phänomen bei CCTV, das letztlich nur dafür sorgte, dass sich der stets eingeblendete Medaillenspiegel am rechten unteren Bildrand zugunsten der USA veränderte.

Bis in die entlegenen Provinzen

Nur auf CCTV 9, dem internationalen, englischsprachigen Kanal, wird gelegentlich hinter die Kulissen geblickt, etwa in der Prime Time-Sendung "17 Days", in der schon mal Kritik von Olympia-Touristen an Luftverschmutzung oder überteuerten Restaurantpreisen geäußert werden darf.

CCTV-9 sieht und hört sich fast an wie eine junge, moderne Station aus dem Westen, würde da nicht zur besten Sendezeit auch jeder chinesische Medaillengewinner samt Familie und weiterem Anhang als Held der Olympia-Arbeit präsentiert. Selbst in entlegene Provinzdörfer schaltet man gern, um begeisterte Menschen zu zeigen, die sich mit dem Olympiasieger aus ihrer Heimat freuen. Ansonsten tauchen allzu häufig amerikanische Gastprofessoren auf, die sich mit der Frage befassen, wie die Olympischen Spiele China und die Chinesen verändern werden - was ein wenig bizarr wirkt in einem televisionären Reich, das auf Bestand und nicht auf Veränderung aus ist.

Auf CCTV 1 erlebten die Bediensteten im Nike Store an der Wangfujing Street am Montag so wie ganz China den Moment, in dem Hürdenstar Liu Xiang schmerzverzerrt aufgeben musste. Sie sahen das Drama vor einer Art Wachsfigur Xiangs in dem Verkaufstempel, und sie hörten ausnahmsweise einmal kein Jubelgeschrei und kein verbales Schulterklopfen für die Athleten. Sie hörten zwei Moderatoren, die so leise sprachen, dass man fast an eine Tonstörung glaubte.

Dies war der erstaunlichste, weil menschlichste Augenblick in der allgemeinen CCTV-Standardeuphorie um das chinesische Athletenglück.

Autor:  JÖRG ALLMEROTH
Datum:  22 | 8 | 2008
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