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Medien

07. Dezember 2012

Cindy aus Marzahn: Von ganzem Herzen Proll

 Von Peer Schader
Die Selfmade-Komikerin Ilka Bessin füllt mit ihrem Tour-Programm mittlerweile Mehrzweckhallen in ganz Deutschland. Hier mit Markus Lanz.  Foto: dpa

Reden wie ein Wasserfall, ohne Rücksicht auf eventuellen humoresken Kollateralschaden: So hat sich Cindy aus Marzahn in die Herzen der Zuschauer gequatscht. Heute Abend ist sie wieder Assistentin bei „Wetten, dass..?“.

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Berlin –  

Als Cindy aus Marzahn vor sechs Jahren in der „NDR Talk Show“ zu Gast war und Anekdoten aus ihrem Kunstfigurenleben vortrug, reagierten die Zuschauer skeptisch. Nicht mal ein Kichern war im Studio zu hören, als die wuchtige Frau in dem viel zu engen rosafarbenen Übergrößenstrampler behauptete, unter „Alzheimer-Bulimie“ zu leiden: Sie fresse den ganzen Tag und vergesse abends zu kotzen. „Sie können ruhig lachen, das ist eigentlich ein Joke“, erklärte Cindy – und erzählte einfach weiter: Von ihrem „Teilzeitmann“ Enrico im offenen Vollzug. Dass sie mit ihm gerade Schluss gemacht habe, weil er mit ihrer besten Freundin Peggy ins Bett gestiegen sei. Und dass sie als Ein-Euro-Prostituierte arbeite, mit Happy Hour.

Wenigstens einen Verbündeten hatte sie: Ein gewisser RTL-Moderator namens Markus Lanz saß in derselben Talk-Runde und kriegte sich vor Lachen gar nicht mehr ein. Im Laufe der Sendung ließ sich das Publikum davon anstecken. Und am Ende hatte Cindy aus Marzahn das komplette Studio auf ihrer Seite.

Strammer Brummer

Inzwischen moderiert Markus Lanz „Wetten, dass..?“ – und holte die Frau, über die er sich damals schon amüsierte, als Überraschungsassistentin in seine erste Sendung. Anschließend regte sich die eine Hälfte des Publikums darüber auf, wie das öffentlich-rechtliche Fernsehen ihnen so einen Prollhumor zumuten kann. Und die andere hofft, dass Cindy künftig öfter dabei ist. Weil es dann doch lustig war, ihr dabei zuzusehen, wie sie auf der großen Bühne mit den Gästen schäkerte und Lanz vorlaut in die Moderationen plapperte. In der Kinderwette war sie ganz selbstverständlich die Verbündete des kleinen S-Bahnkarten-Auswendiglerners. Und Karl Lagerfeld bot sie sich als „Muse“ an, woraufhin der sie als „strammen Brummer“ bezeichnete. Was der aber bei allen Frauen über 40 Kilo macht.

Kurz gesagt: Cindy aus Marzahn war an diesem Abend einfach ganz sie selbst. Und die Leute lieben sie dafür. Mehr denn je.

Cindy heißt eigentlich Ilka Bessin, und deren Geschichte ist so schön, dass sie schon sehr oft erzählt worden ist: 1971 in Luckenwalde bei Berlin geboren, Ausbildung zur Köchin, in Diskotheken und als Schiffsanimateurin gejobbt, dann: arbeitslos geworden. Vier Jahre hatte sie keinen Job, ist in die Krise gestürzt, nahm 2004 spontan an einem Talentwettbewerb im Quatsch Comedy Club teil. Und gewann. Danach ist sie bei „TV total“ aufgetreten – und, zack, ging die Karriere los. Heute füllt die Selfmade-Komikerin mit ihrem Tour-Programm Mehrzweckhallen in ganz Deutschland, hat bei RTL ihre eigene Show „Cindy aus Marzahn und die jungen Wilden“ und gehört zum festen Inventar des deutschen Fernsehens. Auf die Frage, warum sie so viel arbeite, antwortete Bessin in einem Interview mal: „Einmal Stütze, immer vorsichtig.“

Das Interessante an diesem Erfolg ist, dass er schon so lange dauert. Aber nicht, weil man ihr das nicht gönnen würde. Sondern weil Cindy aus Marzahn ihre Halbwertzeit als Comedy-Figur längst überschritten haben müsste. So ziemlich alle Gags sind schon gemacht. Manche sehr oft. Aber das Publikum will sie immer wieder hören.

Also saß Cindy vor drei Wochen im Promi-Special von „Wer wird Millionär?“ Günther Jauch gegenüber und erzählte wieder von Enrico, den sie ständig rauswirft, um sich dann wieder mit ihm zu versöhnen. Und ihrer Tochter Jennifer-Janine-Chantal-Janice, bei der sie immer dazu erklärt: „Das ist ein Doppelname.“ Bei einem sich anschleichenden Witz über ihr Gewicht, vor dem im Publikum stets wissend gekichert wird, mahnte sie: „Wehe, es klatscht einer!“ Als die Leute dann absichtlich klatschten, war genug Zeit, um den Scherz über ihr Bauchgefühl zu Ende zu bringen, das Jauch bei einer Frage einforderte: „Davon hätt' ich sehr viel.“ Mit so einem Witz lässt sich ein Klatschen sehr zuverlässig ins Toben steigern.

Dem Nachrichtenmagazin Der Spiegel hat Bessin mal verraten, dass es sie besonders ärgerte, als Arbeitslose behandelt worden zu sein, als hätte sie eine ansteckende Krankheit. Und dass die Figur Cindy aus Marzahn Hartz-IV-Empfängern eine Stimme gebe: „Ihr hört man zu.“ Das stimmt vielleicht. Aber man muss inzwischen schon sehr genau hinhören, um zwischendrin noch ein Fitzelchen von der Sozialkritik zu entdecken, die Cindy-Schöpferin Bessin in Interviews auf den Punkt bringt. Im Zweifel ist ein Dicken-Witz halt doch der einfachere Lacher.

Sie soll sich trauen!

Wenn jemand sie fragt, ob sie abgenommen habe, sagt sie: „Ja, den Telefonhörer.“ Wenn ihr jemand eine Diät vorschlägt, kontert sie: „Wieso? Ich wieg 58 Kilo. Mit Klamotten.“ Und erklärt dann, Spaß beiseite: „Ich habe keinen Bock auszusehen wie ’ne Salzstange auf Highheels.“

Nach fast acht Jahren in derselben Rolle ist alles ein bisschen Routine geworden. Ihr Standardrepertoire hat Ilka Bessin in Maßen erweitert, die Zuschauer fordern auch gar nicht mehr. Sie wollen Cindy so sehen, wie sie sie kennen: atemlos, aufgedreht, vorlaut und direkt, aber nie zynisch oder gemein. Die Frau mit der erfundenen Plattenbau-Vergangenheit ist Proll mit Herz – und von ganzem Herzen Proll. Den Feinsinn und die Tiefgründigkeit überlässt sie anderen – aber das ist vielen, die abends im Fernsehen bloß ein bisschen Zerstreuung suchen, auch ganz recht. Bloß wer das zu lange am Stück ertragen muss, ist genervt: Als Cindy bei „Wer wird Millionär?“ ihre 125 000 Euro für den guten Zweck erspielt hatte, war Jauch sichtlich froh, das Dauergeplapper wieder los zu sein.

All das braucht Bessin sich nicht vorwerfen zu lassen, es funktioniert ja. Schade ist bloß, dass sie wegen des Erfolges ihrer knallpink tapezierten Unterschichtenreferenz nie als sie selbst auftritt. Dabei hat genau das in der Sat.1-Impro-Comedy „Schillerstraße“ schon mal ziemlich gut geklappt. Vor fünf Jahren spielte Bessin dort einfach als „Ilka“ mit. Ohne rosa Tarnanzug. Ohne Enrico. Und ohne Jennifer-Janine-Chantal-Janice. Das war nicht nur eine angenehme Abwechslung, sondern genauso lustig – und nicht halb so berechenbar wie die Gags aus dem Hartz-IV-Repertoire, selbst wenn in der Comedy ab und an auch ein bisschen die Cindy duchgeschimmert ist.

Bessin soll sich das ruhig mal trauen! Wenn die Leute dann erstmal wieder skeptisch sind, nimmt sie einfach Markus Lanz mit, damit der ein bisschen was vorlachen kann. Bei „Wetten dass..?“ können die beiden heute ja schon mal üben.

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