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Revolution per Internet: Dänisches Gedankenlager

Während der Proteste in Ägypten haben die Demonstranten sich vor allem über das Internet organisiert. Der Journalist und Blogger Evgeny Morozov glaubt nicht an die revolutionäre Kraft des Internets – trotz der Ereignisse in Ägypten.

Während der Revolution in Ägypten spielte das Internet eine wichtige Rolle.
Während der Revolution in Ägypten spielte das Internet eine wichtige Rolle.
Foto: dpa

Wenn man sich für schöne Theorien interessiert, die einem das Leben schwerer machen, ist man bei Sören Kierkegaard genau richtig. Sein Motto: „Es gilt, eine Wahrheit zu finden, die Wahrheit für mich sein kann, die Idee zu finden, für die ich leben und sterben will.“ Er hat diesen Satz in den dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts geschrieben, als das, was heute „Öffentlichkeit“ heißt, schlagartig expandierte: In Dänemark, wie im restlichen Europa, gründeten sich in der Folge der Aufklärung ständig neue Zeitungen und Magazine. In den Kaffeehäusern debattierten die Menschen über Politik. Für die meisten ist das die Geschichte der Emanzipation. Nicht für den dänischen Philosophen. Wie sollte man sich gegen die Übermacht der Mehrheiten und Meinungen überhaupt noch für eine eigene Idee entscheiden?

Die Facebook-Revolution

Dank des Internets ist mittlerweile die halbe Welt zum Kaffeehaus geworden. Und manchmal wird das Internet beziehungsweise werden die Kommunikationsmöglichkeiten, die es eröffnet, zum Katalysator für politische Veränderungen, gar Umstürze. In Ägypten zum Beispiel ist das gerade sehr offensichtlich geworden. Die Demonstranten in Kairo sprachen gar von der Facebook-Revolution. Rädelsführer des Umsturzes waren ein Mitarbeiter von Google und ein Blogger, die auf Facebook den Protest organisierten. Ganz im Sinne Kirkegaards erklärten sie, für die Idee eines demokratischen Ägypten, wenn nötig, zu sterben. Nach dem Sturz Mubaraks sind die Internetaktivisten erste Ansprechpartner Ägyptens Militärrat.

Insofern ist es kein Wunder, dass Kierkegaard nun von Internetkritikern wie Evgeny Morozov entdeckt wird. Morozov hat in Aufsätzen und Presseartikeln vor zu großer Euphorie gewarnt, die Macht des Internets betreffend, Demokratiebewegungen zu stärken. In seinem Buch „The Net Delusion: How Not to Liberate The World“ verweist Morozov auf die Nebenwirkungen der neuen Informations- und Partizipationsmöglichkeiten. Zum Beispiel darauf, wie einfach sich autoritäre Regierungen dank Facebook ein Bild von der Opposition im Land machen können. Wie regimetreue Blogger auf die sozialen Netzwerke losgelassen werden. Eben darauf, dass ein freier Informationszugang nicht automatisch zu einer freien Gesellschaft führt. Begriffe wie „Facebook-“ oder „Twitter-Revolution“ sind nach Morozov deshalb irreführend, weil sie glauben machen, es gebe technologische Lösungen für politische und soziale Probleme.

Für dieses Argument liefert Morozov viel berechtigte Kritik am digitalen „Klicktivismus“. Zum Beispiel, dass der politische „gefällt mir“-Klick bei Facebook vor allem die eigene Profilneurose befriedige. Oder, dass mit der Anzahl der digitalen „Fans“ stets die Verantwortung des Einzelnen sinke.

Aber Morozov schießt über das Ziel hinaus, wenn er schreibt, dass aus einer Bewegung, die sich digital und dezentral organisiert, generell nichts werden könne. Politisches Engagement kann nach Morozov nur wirken, wenn es sich im klassischen Sinn organisiert. Mit Hierarchien, viel Disziplin und am besten noch mit charismatischen Persönlichkeiten an der Spitze. Jeder sollte mit totaler Hingabe dabei sein, ganz im Sinne Kierkegaards. Der sei schließlich auch gegen halbe Sachen gewesen. Sein bekanntestes Buch heißt nicht umsonst: „Entweder – Oder“.

Sturz des Diktatoren

Wie man ohne hierarchische Führungsstruktur einen Diktator stürzten kann, hat man in den letzten Wochen allerdings eindrucksvoll beobachten können. Haben die ägyptischen Protestler Morozovs Buch womöglich nicht gelesen? Morozov schließt aus, dass es Menschen gibt, die auf Facebook herumklicken – vielleicht sogar auf YouTube Katzenvideos angucken – und trotzdem für ihr Anliegen auf die Straße gehen. Er verweist auf die Formel „entweder – oder“, weil er befürchtet, dass die digitalen Protestformen die klassischen ersetzen könnten. Die wichtigere Frage an dieser Stelle wäre jedoch die, wie sie sich am effektivsten ergänzen könnten, die Frage nach dem “sowohl – als auch“.

Autor:  Sebastian Dörfler
Datum:  15 | 2 | 2011
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