Das Wort, das die Schauspielerin Anja Kling spontan zu ihrem Wendegefühl parat hat, ist Westpaket. Was aus dem Westen kam, erkannte sie am Geruch. Die Seife, das Papier, irgendwas. Es gab einen spezifischen Westgeruch, den die junge Anja Kling ohne weiteres zu identifizieren imstande war. Bald nach dem 9. November 1989 konnte sie das Westpaket aber nicht mehr riechen. Vielleicht weil sie nun selbst etwas von dem Duft verströmte?
Klings olfaktorische Überlegung ist eine von zahlreichen Erinnerungen, die in der vierstündigen Dokumentation von Thomas Schaefer ausgebreitet werden, um das Verschwinden der DDR zu rekonstruieren. Weniger in seiner historischen Chronologie und seinen politischen Fakten als in seiner emotionalen Widersprüchlichkeit. Herausgekommen ist dabei eine einzigartige Materialkomposition, für die die Ausdehnung in der Zeit - vier Stunden am Sonnabend - kein heroischer Selbstzweck ist.
Was zu welchem Zeitpunkt geschah, ist weitgehend gesichertes Geschichtswissen. Genschers im Jubel der Massen von Prag untergehender Satz über die Ausreisebewilligung und Schabowskis irritierende Verkündung vom 9. November, die der Selbstauflösung der DDR gleichkam, sind ebenso Teil der Dokumentation wie Honeckers skurriler Auftritt zum 40. Jahrestag der Republik. Und doch stellt sich nicht das Gefühl ein, das so viele TV-Dokumentationen begleitet: Kenn ich, weiß ich, war ich schon. Da hilft auch nicht das Scratchen und Verfremden des Materials durch gewiefte Regisseure.
Thomas Schaefer reiht die Bilder eher gemächlich aneinander. Die Darstellung des langsamen Untergangs der DDR erfolgt nicht in einer Dramaturgie historischer Zwangsläufigkeit. Vielmehr organisiert Schaefer eine fließende Parallelerzählung, die Platz lässt für Ungereimtes.
Die Geschichte der Doreen Dietel kommt darin vor. Als Schülerin wurde sie von Lehrern und Mitschülern drangsaliert, weil ihre Eltern einen Ausreiseantrag gestellt hatten. Acht Jahre lang musste die Familie mit dem Stigma der Abtrünnigen leben. Als die Dietels im Herbst 1989 dann Hals über Kopf ihre Chance zur Ausreise ergriffen, wollte die frisch verliebte Doreen nicht mit. Und als die Mauer weg war, bestand ihr ganzes Glück darin, wieder zurück zu können.
Während einige das Glück ihrer Ankunft im Westen kaum fassen konnten, schwammen zwei Brüder quer durch die Oder in ihr Unglück. Während Tschechen und Ungarn den Eisernen Vorhang zerrissen und kleine Stacheldrahtsouveniers daraus anfertigten, schickten die Polen die Aufgegriffenen wieder zurück. Am ganzen Leib zitternd, sahen sie ihre Zukunft davonschwimmen. Ein anderer durchlitt im Zug in den Westen den Zwiespalt der Gefühle, weil er für die Passage nach Westen seine Frau verlassen hatte.
Schaefers Dokumentation lebt vom geduldigen Blick auf die Seitenstränge einer Geschichte, deren Verlauf ungewiss war. In einer Dokumentation für 45 Minuten würden derlei Schicksale wohl dem Schnitt zum Opfer fallen, weil sie nicht in die geradlinige Botschaft passen, auf die am Ende auch eine nichtfiktionale Erzählung aus ist. In dieser fast opernhaften Dokumentation werden sie zu einem Teppich aus störrischem Geschichtsresten geknüpft.
Entstanden ist dieses Fernsehexperiment aus der Zusammenarbeit von Spiegel-TV, Vox und dctp, der rührigen Produktionsfirma Alexander Kluges. Es ist denn auch der unermüdliche Geist Kluges, der das Stück beseelt, das durch Interviews mit den Sportlern Thomas Doll und Jens Weißpflog, den Schauspielerinnen Christiane Paul, Kathrin Sass, Anja Kling und vielen anderen ergänzt wird. Kluge setzt denn auch auf das Vergnügen der Information. Diesmal besteht die intellektuelle Lust des Fernsehstrategen darin, zur besten Sendezeit mit gediegener Duko-Kost gegen die Könige der TV-Unterhaltung anzutreten. Schalk und Scheherazade gehören zu Kluges programmpolitischen Verzauberungstechniken. Gerade bei dieser neu dramatisierten Geschichte über den letzten Sommer der DDR.
"Der letzte Sommer der DDR", Vox, Sa., 20.15 Uhr.
Manchmal sind es die kleinen, schönen Dinge am Rande, die beeindrucken. Die zeigen wir in unseren Bildern des Tages.