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Medien

07. Mai 2013

Debatte um David Berger: Homohasser raus?

 Von Elmar Kraushaar
Müssen sie künftig draußen bleiben? Gabriele Kuby...  Foto: Imago/Strussfoto

Im Internet fordern Schwule und Lesben, Homophobe nicht mehr in Talkshows einzuladen. Doch passt das zur Meinungsfreiheit?

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Das Vorbild ist klar: die Gladiatorenkämpfe im antiken Rom. Zwei treten gegeneinander an, zur Unterhaltung des Publikums. Genau so funktioniert die Pro-und-Kontra-Dramaturgie der Fernsehtalkshows. Das bringt die Debatte nicht zwingend weiter, hält aber die Quote stabil. Denn – so die Überzeugung der Macher – die Zuschauer bleiben nur dran, wenn Gegensätze aufeinanderprallen. Ein Thema, das Konjunktur hat bei Jauch und Kollegen, ist der Streit um die völlige Gleichstellung homosexueller Paare. Hardliner wie der CSU-Politiker Norbert Geis oder die katholischen Publizisten Martin Lohmann und Gabriele Kuby treten an gegen „Betroffene“ oder wohlmeinende Experten.

Mit der Präsenz der Schwulengegner in den Talks soll Schluss sein, fordert David Berger, Theologe und Chefredakteur des Magazins Männer. Schwule und Lesben, meint Berger, sollten nicht länger aushalten müssen, dass man sie öffentlich diffamiert. Deshalb: „Homohasser raus aus den Talkshows!“ Auf dem Nachrichtenportal queer.de warnt Berger vor französischen Zuständen in Deutschland. Seitdem im Nachbarland Hunderttausende gegen die Homo-Ehe auf die Straße gehen ist ein Anstieg homophober Gewalt zu beobachten, letztes Beispiel ist die Morddrohung gegen einen schwulen Bürgermeister im Elsass.

Berger wünscht sich stattdessen eine ähnliche Sensibilität gegenüber Homosexuellen wie er sie bei den Themen Antisemitismus, Frauenrechte und Rassismus ausmacht. Da habe sich ein Konsens gebildet, der „sehr gut zwischen diffamierenden Äußerungen auf der einen und Meinungsäußerungen auf der anderen Seite zu unterscheiden weiß.“ Bei der anschließenden Online-Abstimmung nach Bergers Aufruf ist das Ergebnis klar: Fast zwei Drittel unterstützen seine Forderung.

Doch nicht überall fällt das Votum so deutlich aus. In schwul-lesbischen Internetforen gibt es auch andere Stimmen. „Es ist wichtig, dass schwule Menschen die Gesichter ihrer Feinde kennen“, argumentiert zum Beispiel der Blogger Steven Milverton. „Wollen wir eine Gesinnungspolizei in den Sendern?“, fragt Stefan Mielchen, Ex-Chefredakteur des Hamburger Schwulenmagazins Hinnerk. „Wer die Meinungsfreiheit durch das Ausgrenzen von Meinungen einschränken will, hat schon verloren.“

Kritisieren, ohne zu diffamieren

Matthias Radner, beim WDR verantwortlicher Redakteur für „Hart aber fair“, beruft sich ebenfalls auf die Meinungsfreiheit: „Deshalb müssen auch jene zu Wort kommen, die der Gleichstellung homosexueller Paare kritisch gegenüber eingestellt sind, sofern sie andere nicht diffamieren, beleidigen oder herabsetzen.“ In einer von David Berger kritisierten „Hart aber fair“-Sendung im vergangenen Dezember, sei, sagt Radner, kein Schwulenhasser aufgetreten, „dagegen will ich mich ausdrücklich verwahren“.

...und Martin Lohmann kritisieren die Gleichstellung von Homosexuellen scharf.
...und Martin Lohmann kritisieren die Gleichstellung von Homosexuellen scharf.
 Foto: Imago/Horst Galuschka

Entsprechend äußern sich andere Talk-Redaktionen. „Diskriminierende oder verunglimpfende Ansichten, die die Grenzen der Meinungsfreiheit verletzen, schließen wir aus“, heißt es aus der „Beckmann“-Redaktion. „Extrempositionen tragen in der Regel nichts zu einer sinnvollen und vertiefenden gesellschaftlichen Diskussion bei.“

Auch bei „Günther Jauch“ sei es niemals Absicht, „durch die Gästeauswahl eine Bevölkerungsgruppe zu diskreditieren“. Mit Blick auf eine „Anne Will“-Sendung aus dem Jahr 2010, in der der Essener Bischof Franz-Josef Overbeck Homosexualität als Sünde bezeichnete, erklärt die Redaktion heute: „Wir laden Personen, die mit ihren Äußerungen die Menschenwürde verletzen oder sich verfassungswidrig einlassen, nicht in unsere Sendung ein.“

Doch was Talkshow-Macher nicht für verletzend halten, empfinden Homosexuelle möglicherweise ganz anders. David Berger weiß, dass sich die Einladungspraxis der Redaktionen nicht sofort ändern wird. „Aber ich erhoffe mir, dass durch die Debatte die Sensibilität für sehr subtile, aber umso gefährlichere Formen einer Menschen diskriminierenden Homophobie geschärft wird.“

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