Seine Stimme ist ausdruckslos, sein Auftreten blass. Im Palais Schaumburg, das bis 1976 der erste Dienstsitz des Bundeskanzlers war, weiß heute niemand mehr so genau, wo sein Büro untergebracht war. Sein Name ist meist nur noch politisch Interessierten jenseits der 40 ein Begriff. Hans Maria Globke war von 1953 an Staatssekretär von Konrad Adenauer und eine der geheimnisvollsten Figuren der deutschen Nachkriegspolitik. Wer sich heute seiner überhaupt erinnern kann, der weiß, dass sich an der Personalie Globke eine anhaltende Debatte über die Kontinuität von Nazi-Eliten in der deutschen Politik und Verwaltung entzündete. Globke war der Sündenfall der jungen Demokratie.
Aber war Globke überhaupt ein Nazi? Eine Dokumentation von Jürgen Bevers und Bernhard Pfletschinger ist tief hinabgestiegen in die Archive, um die Maske des Mannes hinter Adenauer mit zeithistorischer Genauigkeit zu lüpfen. Globke war seit 1929 Verwaltungsbeamter im Reichsministerium des Innern und machte unter den Nazis schnell Karriere im Dienst seiner neuen Herren. Mitglied der NSDAP wurde er jedoch nie. Die Partei hatte einen Aufnahmeantrag abgelehnt, weil ihr der gläubige Katholik Globke zu eng mit der verbotenen Zentrumspartei verbunden schien.
Katholizismus und Rassismus
An seiner Parteigängerschaft ließ Globke allerdings keine Zweifel. Bereits 1936 hatte er einen Kommentar zu den Rassengesetzen verfasst, und auf der Grundlage einer von Globke formulierten Durchführungsverordnung konnten Deportationen in die KZ der Nazis überhaupt erst organisiert werden.
Globke verteidigte sich später, mit seiner Arbeit zu Milderungen für jüdische Bürger beigetragen zu haben. Eine zynische Sicht seiner Schreibtischaktivitäten. So definierte er "beischlafähnliche Handlungen" mit Juden als Straftat, die vor allem Ausdruck einer fatalen Kombination von Katholizismus und Rassismus sind.
Der Rhythmus des Films ist langsam, bisweilen meint man das Rascheln der Dokumente zu hören, die die Autoren bei ihren Recherchen gleich bergeweise gewälzt haben. Im Bundesarchiv haben sie so bislang unbekannte Notizen Eichmanns gefunden, aus dessen spektakulärem Prozess Globke auf Wunsch Adenauers herausgehalten wurde.
Globke war ein gewiefter Strippenzieher der Politik und ein unentbehrlicher Mitarbeiter für "den Alten". Wegen seiner der Öffentlichkeit durchaus bekannten Verstrickungen mit dem Nazi-Regime besaß er keine eigenen politischen Ambitionen. Globke erwies sich auch der neuen Bundesrepublik als beflissener Dienstmann und emsiger Kollaborateur. Die Dokumentation klagt nicht an, sondern beschreibt die Architektur der Macht, die auch die Gegner einschloss. Beim amerikanischen CIA fanden sich Belege dafür, dass Globke und Willy Brandt vor dem Wahlkampf 1961 ein Bündnis schlossen. Man verabredete eine Art Nichtangriffspakt bezüglich der jeweiligen politischen Biografie. Globke versprach, Brandt nicht länger als vaterlandslosen Gesellen zu diffamieren. Der Deal kam zustande.
Egon Bahr, einer der zu Wort kommenden Zeitzeugen, mochte nicht in den Jargon früherer Schwarzweißmalerei verfallen. Eine der großen Leistungen Adenauers habe darin bestanden, die gesellschaftliche Integration in den neuen Staat zu vollziehen. Eine so widersprüchliche Figur wie Globke war ein Rädchen in diesem nicht immer leicht zu verstehenden Prozess: Der Kollaborateur als Transformationshelfer.
"Der Mann hinter Adenauer: Hans Maria Globke", Arte, 21.50 Uhr.
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