Radiomoderatoren wirken heute oft wie humanoide Roboter. Die Texte, die sie sprechen, haben wenig mit ihnen selbst zu tun, und wichtig ist fast nur, dass sie eine angenehme Stimme haben. Es ist daher kein Wunder, dass das Aufkommen von Internet-Radiosendern eine Sehnsucht nach Moderatoren der alten Schule geweckt hat, nach Präsentatoren mit unverkennbarem Profil. Diesen Eindruck vermittelte eine Diskussionsrunde mit dem Titel "Radiomoderator 2.0", im Rahmen der Tagung "Radiocamp 2009" jetzt in Hamburg.
Mike Nöcker, Chefredakteur des Musik- und Entertainmentsenders quu.fm, der im Netz die "Anarchie" aus den ganz frühen Tagen des Privatradios wiederaufleben lassen will, sagte etwa, die Moderatoren müssten künftig "wieder ihre Persönlichkeit einbringen". Das sei im System Radio jahrelang nicht möglich gewesen.
Neben wenigen etablierten Rundfunkmachern - die ARD-Werbetochter AS & S Radio gehörte zu den Sponsoren der Veranstaltung - waren es überwiegend Vertreter von Onlineradio-Startups, die sich beim "Radiocamp" versammelten; sie hatten die Tagung unter dem Motto "Zukunft des Radios - Radio der Zukunft" auch initiiert.
Auf den Podien saßen Vertreter von Musikradios, die ihren Hörern auf unterschiedliche Art ermöglichen, sich aus dem Sender-Archiv in Form von Playlists ihr eigenes Musikprogramm zusammenzustellen, und Wortradio-Anbieter wie 1000mikes.com.
Bei diesem Sender lassen sich die alten Ideen vom Offenen Kanal und vom Bürgerfunk auf erheblich einfachere Art umsetzen als früher: 1000mikes.com bietet jedermann die Möglichkeit, über eine Telefonleitung mit Talkrunden, Lesungen oder Ähnlichem live auf Sendung zu gehen. Neudeutsch nennt man so etwas User Generated Content.
Um die Frage zu beantworten, ob solche Konzepte langfristig finanziell tragfähig sind, muss man über den Rand des Genres Radio blicken. Die jungen Sender brauchen in der Regel Investoren, insofern ist ihre Zukunft auch abhängig von den Entwicklungen auf dem Risikokapitalmarkt.
Doch haben die Onlineradios einen grundsätzlichen Vorteil auf dem Werbemarkt: Die Hörerzahlen, die die klassischen Rundfunksender für sich reklamieren, basieren auf telefonischen Interviews, in denen die Befragten aus der Erinnerung über ihren Radiokonsum Auskunft geben. Online-Radios können dagegen exakt nachweisen, wer wann ein Angebot wie lange genutzt hat. Darauf wies Sachar Kriwoj von roccatune.com hin, einem Anbieter aus Berlin, der sich als "Online-Jukebox" versteht.
Die wichtigste Debatte des Tages stand unter einem etwas umständlichen Motto: "Massenkompatibilität vs. Qualitätsradio vs. User Generated Radio vs. individualisiertes Radio".
Damit waren alle Optionen benannt, die aber nach Ansicht der Diskussionsteilnehmer einander nicht ausschließen. Zum einen sei eine Koexistenz von Nischenradios aller Art möglich, zum anderen gelte es für die traditionellen Sender, die Elemente miteinander zu verbinden.
Michael Reichert vom SWR sagte, man müsse das Publikum, das Radiokonsum der klassischen Art bevorzugt, ebenso bedienen wie die neuen Hörertypen: also alle, die Sendungen unabhängig vom Ausstrahlungstermin nutzen möchten, wie auch jene, die sich ihr Programm individuell zusammenbauen wollen. Es komme darauf an, all diese Elemente richtig zu gewichten.
Um die richtige Mischung herauszufinden, haben der SWR, die baden-württembergische Landesmedienanstalt und einige Privatsender das von Reichert geleitete Forschungsprojekt "Radio Plus" initiiert. Das untersucht, in welchen Situationen welche Sendungen genutzt werden.
Darüber hinaus deutete sich beim "Radiocamp" an, dass junge Online-Sender verstärkt die Zusammenarbeit mit alten Marken anstreben; die Kooperationen von Spiegel Online und zeit.de mit den Musikradios last.fm beziehungsweise byte.fm könnten da als Anregung dienen. "Die Welten werden zusammenrücken", prophezeite Monte Miersch von mikestar.com, einem Karaokesender.
Einigkeit herrschte unter den Tagungsteilnehmern darüber, dass die Karten noch einmal neu gemischt werden, wenn die breite Bevölkerung Internetradio computerunabhängig nutzen kann - wenn man also Internetradio auch im Auto empfangen kann und jedermann auf seinem Handy Zugang zu den von ihm zusammengestellten Playlists hat. An der technischen Umsetzung, sagt SWR-Mann Reichert, würden derzeit "viele Menschen arbeiten".
Manchmal sind es die kleinen, schönen Dinge am Rande, die beeindrucken. Die zeigen wir in unseren Bildern des Tages.