Der designierte neue Parteivorsitzende entschied sich kurzfristig. Fünf Minuten vor dem Interviewtermin für die WDR-Doku "Der Fall SPD - Überlebenskampf einer Volkspartei" sagte Sigmar Gabriel ab. Der lakonische Kommentar seines Sprechers: "Shit happens".
Die beiden Worte treffen auch auf die Entwicklung von Gabriels Partei zu: Die Hälfte ihrer Wähler hat sie seit der Bundestagswahl 1998 verloren. Nun analysieren Stephan Lamby, Klaus Balzer und Karin Rieppel diesen Niedergang. Insgesamt standen ein Dutzend Sozialdemokraten für ein Gespräch zur Verfügung.
"die story: Der Fall SPD - Überlebenskampf einer Volkspartei", WDR, 22 Uhr.
Die Kernaussage des Films lautet, dass das Debakel bei der Bundestagswahl auf Gerhard Schröders Agenda-2010-Politik zurückzuführen sei, keine allzu überraschende These. Bemerkenswert ist, dass sie hier wesentlich von Henning Scherf aus Bremen gestützt wird, der wahrlich nicht zum linken Flügel gehört.
Problematisch sei vor allem, dass die SPD "erschreckend wenig Erfahrung mit offenen Aussprachen hat", stellen die Autoren fest. Eine Folge der Schröder-Herrschaft: Viele Spitzenkräfte folgten ihm einst stumm entgegen ihrer eigenen Überzeugung, nachdem sie sich durch seine "latenten Rücktrittsdrohungen" zur Zustimmung hatten drängen lassen. Auch nach dem 27. September 2009 redete man auf den Führungsebenen lieber nicht zu viel miteinander: Schon vier Tage nach dem Absturz bestimmte ein kleiner Kreis die neue Führungsriege, obwohl es doch, so der Parteilinke Hermann Scheer, gar keinen "Zeitdruck" gegeben habe.
Es spricht für den Film, dass es den Autoren gelungen ist, die Interviewpartner zu kritischen und selbstkritischen Äußerungen zu bewegen. Aber es spricht nicht für einige dieser Interviewpartner, dass die SPD erst die Macht verlieren musste, ehe sie sich aus der Deckung wagten.
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