Das war doch mal eine angenehme Überraschung: In Umkehrung der ältesten Gesetze der Dramaturgie hatte sich die Filmakademie entschlossen, den Höhepunkt an den Anfang zu legen - den Ehrenpreis für den großen Loriot. Ob da ein Quäntchen Vorsicht im Spiel war?
Beim Deutschen Fernsehpreis an Marcel Reich-Ranicki hatte man ja erlebt, was passieren kann, wenn man Ehrengäste der höherem Bildungsschichten etwas zu lange auf die Folter spannt. Zunächst allerdings musste sich Vicco von Bülow von Bully Herbig, der schrecklich trocken sein kann, wenn er ernst sein möchte, mit einer Uhr und einem Auto vergleichen lassen: "Er ist die Rolex, der Maybach unter den Komikern." Nun ja, derartige Vergleiche kommen einem wohl in den Sinn bei einer Veranstaltung, bei der ständig von Geld geredet wird und die Staatskasse schließlich um 2,8 Millionen Euro erleichtert.
Interaktive Grafik: Gewinner beim Deutschen Filmpreis 2009
In einer hinreißenden kurzen Dankesrede verbeugte sich Loriot vor einem Klassiker des deutschen Films, Gerhard Lamprechts "Emil und die Detektive" nach dem Drehbuch von Billy Wilder. Als 8-jähriger sah er darin anno 1931 zum ersten Mal einen Jungen mit normalen Socken (ohne Strumpfhalter) und kurzen Hosen, was ihn augenblicklich von der visionären Kraft des Kinos überzeugte. So habe er beschlossen, sein Leben dem Film zu widmen - und schon 56 Jahre später sein Leinwand-Debüt als Regisseur mit "Ödipussy" gegeben.
Es war eine Hommage an die Glanzzeit des deutschen Films - und auch die einzige, abgesehen von einer Parodie des Marlene-Dietrich-Chansons von der "feschen Lola" durch die Moderatorin Barbara Schöneberger. Umso vollmundiger wurde das an künstlerischen Höhepunkten nicht gerade reiche Filmjahr 2008 gelobt, für Schöneberger gar ein "sensationeller" Jahrgang. Die wahren Juwelen indes - wie Nana Neuls nahezu vollkommener Erstling "Mein Freund als Faro" oder Hannes Stöhrs bewegendes Musikerdrama "Berlin Calling" - hatten es nicht einmal unter die Nominierten geschafft.
Schönebergers Kompliment an "Deutschlands beste Jury" - gemeint waren die 1100 Akademiemitglieder - hatte den unangenehmen Klang eines Nachtretens gegen das bereits seit fünf Jahren abgeschaffte Expertengremium für die Preisvergabe. Doch während sich die Experten zumindest um Ausgewogenheit bemühten, haben radikalere Filmformen heute kaum noch eine Chance.
Von den vier Lolas, die "John Rabe", das hochgezüchtete, aber künstlerisch belanglose Heldendrama aus dem Zweiten Weltkrieg, erhielt - Kostüme und Ausstattung in allen Ehren - war der Hauptpreis (500.000 Euro) eindeutig eine Lola zu viel: Was ist so erstrebenswert daran, eine Art von Unterhaltungskino zu fördern, die aussieht wie alles andere auch? Wenn schon das Publikum dem überorchestrierten Geschichtsdrama um einen guten Nazi in China in weiten Teilen fernbleibt, soll es wenigstens noch etwas Ehr- und Preisregen geben - immerhin trug der Filmförderfond aus Bundesmitteln bereits einen Millionenanteil zum Budget bei. Ulrich Tukur, für den Film als Bester Hauptdarsteller ausgezeichnet, gab als Dankeschön ein chinesisches Kochrezept zum Besten - und wurde dabei so aufmerksam von Musik- und Bühnenregie unterstützt, dass es nicht mehr spontan wirkte.
Ansonsten zeigte sich die Gala wenig um Showeinlagen bemüht. Einmal kam Barbara Schöneberger in einem Wickelkleid in Preis-Form auf die Bühne, wirkte damit aber immer noch eleganter als Heike Makatsch, die man in ihr rotes Abendkleid eingenäht haben musste, jedenfalls zeigte sie sich darin nahezu bewegungsunfähig. Bei der Deutschen Filmakademie versucht man jetzt auch nicht mehr, Oscar-verdächtigen Ehrgeiz in ausgefeilte Shownummern oder eingespielte Montagefilme zu stecken. Die Moderatorin riskierte weniger Scherze, was durchaus als Erfolg zu werten ist, und über die missglückten ("Die Länge des Abends muss sich am Fassungsvermögen der Blase orientieren") wird einfach nicht mehr gelacht. Aus der Millionenshow ist eine schmerzfreie Routine geworden, deren Bühnenpräsentation gut daran tut, selbst kein Millionenbudget zu beanspruchen.
Wie erwartet ging Akademie-Nichtmitglied Christian Petzold ohne Preis nach Hause, aber auch ihr Gründer Bernd Eichinger wartete vergeblich auf eine Anerkennung der Constantin-Produktionen "Der Baader-Meinhof-Komplex" und "Anonyma". Dafür erhielt mit Andreas Dresen ("Wolke 9") ein Meister der Darstellerführung den Regiepreis, der Film selbst die Bronze-Lola des Drittbesten. Und noch einen weiteren Preis erhielt das Melodram über eine späte Liebe und die tragischen Folgen der zügellosen Leidenschaft: Ursula Werner, die 65-jährige Charakterdarstellerin, wurde für ihre Hauptrolle prämiert. Als weiterer Favorit war die Constantin-Produktion "Im Winter ein Jahr" (Regie: Caroline Link) ins Rennen um den Hauptpreis gegangen.
Das gediegene Künstler- und Familiendrama war dann aber mit dem zweiten Preis in Silber gut bedient. Verdient aber ist die Auszeichnung von Niki Reisers feinfühliger Filmmusik, die den Film emotional ernst nimmt und enorm aufwertet.
Zwei kleine Produktionen immerhin finden sich unter den Prämierten, ihnen sind die Lolas und Preisgelder besonders zu gönnen. Der Kölner Filmemacher Niko von Glasow fand Anerkennung für seine offene Auseinandersetzung mit der von ihm selbst erlittenen Schädigung durch Contergan. Mit einem eindringlichen Appell erinnerte er an die Not vieler Leidensgefährten. Mit dem türkisch-deutschen Gangsterfilm Chiko von Özgür Yildirim (Preise für Buch und Schnitt) wurde schließlich ein vielversprechendes Debüt prämiert.
Trailer: "John Rabe" (Bester Film)
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