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Medien

21. Dezember 2012

Deutscher Presserat: "Wir brauchen keine schärferen Waffen"

Lutz Tillmanns ist Geschäftsführer des Deutschen Presserates.Foto: Berliner Zeitung/Paulus Ponizak

Der Geschäftsführer des Deutschen Presserates, Lutz Tillmanns, über den besudelten Papst, journalistische Sorgfalt und das Schulmassaker in den USA.

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Der Jurist Lutz Tillmanns ist seit 1992 Geschäftsführer des Deutschen Presserates, bei dem sich Leser über journalistische Fehlleistungen in Zeitungen, Zeitschriften und seit einigen Jahren auch in journalistischen Online-Angeboten beschweren können. Ein Gespräch über Amokläufe, Opferschutz und raue Sitten.

Herr Tillmanns, sagt Ihnen der Name „Pussy Riots“ etwas?

Sie meinen die russische Band, die sich wegen einer Protestaktion in einer Kirche gegen Präsident Putin vor Gericht verantworten muss.

Genau die. Sie haben vor kurzem Post von der Gruppe bekommen. Das passiert auch nicht alle Tage, dass eine Frauenpunkband bei Ihnen vorstellig wird, oder?

Nein, das kommt eher selten vor. Der Brief kam von dem Anwalt des einen Bandmitgliedes, das sich über die Berichterstattung in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung am Sonntag beschwert hat.

Zu Recht?
Darüber hat sich der Presserat noch keine Meinung gebildet. Derzeit holen wir noch Stellungnahmen dazu ein. Im März könnte die Angelegenheit spruchreif sein.

Wie viele Beschwerden sind in diesem Jahr schon eingegangen?

Bis heute 1 420. Viele davon, knapp 200, übrigens zum Titanic-Titelblatt mit dem besudelten Papst.

Wurde das Satireblatt dafür gerügt?

Ja, und zwar wegen Verletzung des Persönlichkeitsrechts des Papstes. Nicht wegen Verletzung religiöser Gefühle. Letztere haben wir übrigens bei den Mohammed-Karikaturen damals geprüft. Die Veröffentlichung der Zeichnungen war allerdings durch den Pressekodex gedeckt. Aber es gibt im Kodex natürlich eine Formulierung, die die Schmähung von religiösen Überzeugungen untersagt.

Von den rund 1400 Beschwerden stufen Sie wie viele als berechtigt ein?

Wir haben etwa 300 Verstöße gegen den Pressekodex pro Jahr, die wir unterschiedlich ahnden. Das geht von einem Hinweis an die Redaktion, dass eine Berichterstattung nicht korrekt war über eine Missbilligung bis hin zur öffentlichen Rüge.

Die die Redaktionen mehr oder weniger gleichgültig hinnehmen. Ihre Waffen tun doch niemandem weh.

Wir wollen nachhaltige Qualitätskritik üben, aber dazu brauchen wir keine schärferen Waffen. Der Presserat ist kein Strafgericht. Wir setzten auf die Öffentlichkeit, darauf, dass die Reputation einer Zeitung leidet, wenn ihr Fehler in der Berichterstattung nachgewiesen werden. Vor aller Interessierten Augen. Nebenbei bemerkt hilft uns dabei auch das Internet, in dem die Verfehlungen und die daraus resultierenden Rügen auf Dauer dokumentiert bleiben. Das ist präsent und kann immer wieder aufs Neue herangezogen werden.

Worüber beschweren sich die Menschen denn am meisten?

Die häufigsten Beschwerden betreffen die Verletzung der journalistischen Sorgfaltspflicht: unzureichende Recherche, verfälschende Zitate, unbelegte Tatsachenbehauptungen und dergleichen. Eine hohe Zahl von Beschwerden geht auch wegen Verletzung der Persönlichkeitsrechte ein. Das betrifft oft Opfer von Verbrechen und Unfallopfer, aber auch Suizidfälle.

Ist der Ton rauer geworden?

Ich glaube nicht. Zumindest kann man nicht von einer Verrohung der publizistischen Sitten sprechen. Was zutrifft: Die Berichterstattung ist schnelllebiger und personenfixierter geworden, gerade auch bei Verbrechen und Katastrophen. Auch da spielt das Internet eine große Rolle. Der Presserat hat dann abzuwägen zwischen Opferschutz und einem berechtigten Interesse der Öffentlichkeit auf Information.

Sie spielen auf Fälle wie die Amoktat in Winnenden an, die dem Presserat viel Arbeit und einigen Zeitungen heftige Kritik eingebracht hat. Ebenso wie die Berichte über das Love-Parade-Unglück in Duisburg. Gerade erst erschütterte ein Schulmassaker in den USA die Welt. Gab es zur Berichterstattung darüber schon Beschwerden?

Ja, bereits mehr als ein Dutzend. Gegenstand sind zum größten Teil Mutmaßungen über die Tätermotive und den Tathintergrund. Nach Winnenden haben wir uns intensiv mit dem journalistischen Umgang mit derartigen Taten beschäftigt und Kriterien für die Berichterstattung bei Amoklagen aufgestellt.

Mit welcher Kernthese?

Die Berichterstattung sollte vermeiden, mögliche Nachahmungstäter zu bestärken, also auf eine heroisierende Darstellung verzichten. Darüber hinaus muss der Opferschutz unbedingt im Vordergrund stehen.

Und, hält sich die Presse daran?

Mein Eindruck ist, dass sich viele Redaktionen jetzt, nach Newton, daran erinnert haben. Ich glaube ohnehin, dass die Rolle des Presserats immer mehr die eines Ratgebers für Redaktionen ist, der proaktiv und präventiv wirkt, der den Journalisten Handreichungen gibt in Fragen des Datenschutzes zum Beispiel oder beim Trennungsgebot von Werbung und redaktionellen Inhalten. Weniger Selbstkontrolle, mehr Selbst„regulierung“, das sollte das Ziel sein.

Das Gespräch führte Ralf Mielke.

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