Nehmen wir zum Beispiel Thomas Bellut, der Programmdirektor des ZDF ist und in dieser Funktion alle unterhaltenden Sendungen leitet. Ginge es nach ihm, dann müssten die Sender ihren Zuschauern künftig mehr denn je eine "traumwandlerische Sicherheit" bieten können. Darunter ist nicht weniger zu verstehen als ein komplett durchformatiertes Programm: Sender bieten zu festen Uhrzeiten erwartbare Inhalte.
Wer in den vergangenen Tagen auf dem Medienforum NRW in Köln neben Bellut auch seiner WDR-Kollegin Verena Kulenkampff lauschte, der konnte lernen: Auch die ARD schwenkt auf diesen Kurs ein, der bloß den Moment im Blick hat, nicht aber eine langfristige Strategie, etwa um junge Zuschauer für die eigenen Inhalte zu begeistern.
Kulenkampff sagte, die ARD werde "stärker in Marken wie der Tagesschau, der Sportschau und dem Tatort denken". Was sie damit meint, lässt sich leicht nachvollziehen. So mussten schon vor knapp zwei Jahren viele unterschiedliche Krimi-Projekte in den Hörfunkwellen einem einzigen Konzept weichen: dem Radio-"Tatort". Damit will die Sendergemeinschaft auf den beachtlichen Quoten-Erfolg aufspringen, den die gleichnamige Reihe im Fernsehen gebracht hat.
Kritiker - auch aus den eigenen Reihen - bemängeln indes, damit werde den Krimis, die auf eine lange Tradition zurück blicken können, die Kreativität geraubt. Alle Radio-"Tatorte" würden nämlich einem Muster folgten. So verdrängt die angestrebte "traumwandlerische Sicherheit" also mitunter das Experimentelle in den Programmen. Droht eine Ödnis unter den Formaten?
Unbeantwortet bleibt, wie die Sender wieder jüngeres Publikum für das alternde Medium Fernsehen begeistern wollen. Denn diese Zielgruppe entflieht einfach der drohenden Kreativ-Wüste und stellt sich im Netz ein Best-of von dem zusammen, was die Sender von ihren Angeboten in die digitale Welt heben.
Zumindest punktuell hilft es, Serien und Filme einfach im Netz zum Abruf anzubieten. Bellut betonte, sein "Kriminaldauerdienst" etwa sei einerseits von Kritikern hochgelobt worden, aber im Fernsehen "eher enttäuschend" gelaufen, womit wieder die Quote gemeint war. Ganz anders im Netz: 800.000 Menschen hätten die Serie dort angeklickt. Ähnliches deutete sich schon bei der Satire-Reihe "heute show" an.
Ein riesiges Problem dabei aber bleibt: Bis heute kann keiner seine Inhalte nur für das Netz produzieren. "Das Fernsehen muss noch immer alles refinanzieren", sagte dann auch der Chef der deutschen Free-TV-Programme von ProSiebenSat.1, Matthias Alberti. Das bedeutet konkret: Gute Abrufzahlen im Netz helfen nicht weiter, weil dort mit Werbung nicht so viel Geld zu holen ist, um die Inhalte zu bezahlen. Sendungen ausschließlich für die surfende Zielgruppe sind also noch Zukunftsmusik - oder zumindest ein Zuschussgeschäft.
Der Chef des zuletzt höchst erfolgreichen RTL-Ablegers Vox, Frank Hoffmann, drückte das Dilemma so aus: "Um gute Geschichten zu erzählen, braucht man eben Geld." Abrufe im Netz tat er deshalb als "Add-on" ab. Letztlich sei aber ohnehin "nicht das Wo und Wie, sondern das Was entscheidend".
Für die Inhalte liegen denn auch ebenso spannende wie witzige Ideen vor: Sendungen, die alles sind, nur nicht erwartbar, wie sie das hingegen bei ARD und ZDF gerne hätten. Bald dürften Konzepte wie diese also wenigstens im hiesigen Privatfernsehen Einzug halten: Ein "Psycho to go", der Passanten mal eben auf der Parkbank oder im Einkaufszentrum Ticks austreiben will. Eine Quizshow, bei dem Kandidaten erst einen Hindernislauf bewältigen müssen, um den Buzzer zu erreichen. Soap-Stars, die ihre Rollen mal im wahren Leben ausfüllen müssen. Oder mit der Nachtsichtkamera gedrehte Blind-Dates, bei der mehrere Kandidaten nach gemeinsamen Tagen in der Dunkelheit einen künftigen Partner wählen dürfen.
All das wären Sendungen, die abseits aller Gleichförmigkeit für Gesprächsstoff sorgen würden - so wie das "Deutschland sucht den Super Star" oder "Topmodel" seit Jahren schaffen. Sendungen, für die sich auch junge Menschen zu Fernsehabenden treffen - und so möglicherweise das kriselnde Medium am Leben halten.
Manchmal sind es die kleinen, schönen Dinge am Rande, die beeindrucken. Genau die zeigen wir in unseren Bildern des Tages.