Schwindende Kopfschmerzen in der Schwangerschaft, Googles Fahndung nach indiskreten Mitarbeitern im eigenen Haus und eine überraschende Präsenz von Oppositionellen im iranischen Staats-TV: Mit diesen und ähnlichen Themen machte gestern DRadio Wissen auf, das seit dieser Woche die Republik beschallt. Mit seinem dritten Kanal, der neben Deutschlandradio Kultur und Deutschlandfunk sendet, sucht das Deutschlandradio die Hörer der Zukunft. Im Kölner Funkhaus sprechen sie gar von einer "Suchmaschine für das Radio von morgen".
Bei diesem gewaltigen Anspruch möchte man annehmen, dass ein Start ordentlich vorbereitet wurde. Dass die Redaktion an den ersten Beiträgen seit Wochen poliert. Und dass die Internetplattform des neuen Kanals bis zur Belastungsgrenze getestet wurde, bevor er zusammen mit dem Programm auf das Publikum losgelassen wurde. Bei DRadio Wissen bewiesen sie aber leider genau das Gegenteil.
Besuchte eine Autorin etwa das Seminar für "Literarisches Schreiben" an der Leipziger Universität, kam bloß dröges Abschalt-Radio heraus statt eine lebendige und spannend erzählte Reportage. Wollte der Hörer das online gepriesene Stück "Richtig spenden" abrufen, um zu entscheiden, wie er den Menschen in Haiti wirklich helfen kann, hieß es nur: "Kein Beitrag aktiv". Und wer sich mittags durch das neue Angebot klicken wollte, das immerhin als "Radiolabor mit Netzanschluss" gepriesen wird, dem zeigte sein Browser zeitweise den Fehler an: "Service Unavailable". Laut DRadio Wissen trat dieses technische Problem indes nicht einmal eine Minute auf.
Intelligente Verknüpfung
Und doch: Abseits dieser Pannen zum Start hat DRadio Wissen ein enormes Potenzial. Der Sender kommt nämlich mit einer klug durchdachten jungen Anmutung daher, mit Themen für die Wissensgesellschaft und - im Prinzip - mit einer intelligenten Verknüpfung von Radio und Netz, bei der am Ende tatsächlich beide Medien ineinander greifen könnten.
Die ersten Sendestunden befassten sich nahezu durchgehend mit modernen Lebensentwürfen. Da wurde nicht nur hinterfragt, warum manch ein Blogger von Spenden nach Haiti abrät. Das Kurzmagazin "Meine Zukunft" stellte vielmehr auch "Familienpaten" vor, die Eltern und Kinder helfen, und fragte, wie wir wohl im Jahr 2020 arbeiten und uns durchleuchten lassen werden. Andere "Themenquadranten", wie sie beim neuen Kanal ihre knappen Magazine zwischen den viertelstündigen News-Blöcken vor 18 Uhr nennen, beschäftigten sich damit, was in unserem Hirn beim Joggen mit der Musik passiert ("Doping mit dem iPod"), und besuchten "Öko-Studenten in Abu Dhabi".
Studenten sind dem ersten Eindruck nach ohnehin die Zielgruppe des neuen Senders. Intendant Willi Steul spricht gerne davon, das Programm richte sich "nicht nur an die 15- bis 19-Jährigen, sondern an junge Erwachsene, die sich mehr für das interessieren, was um sie herum in dieser Welt vorgeht". Dass sich gleich mehrere der Quadranten ganz klar mit den Interessen von Studenten befassen, bringt zutage, wen die Programmverantwortlichen erreichen wollen.
DRadio Wissen versteht "Radio als Netzwerk". Und das lebt der Sender vor, wenn auch bisher vor allem in der Theorie. Senderchef Dietmar Timm, der übrigens bereits 61 Jahre alt und also fernab des Zielpublikums ist, sagt, er wolle "fast alle Beiträge" ins Netz stellen.
Nur wenn Musikrechte Probleme machten, solle es zu Ausnahmen kommen. Timm stellt zudem in Aussicht, das Prinzip "online first" in seiner Redaktion anzuwenden. Das heißt, dass bereits fertig produzierte Beiträge auch dann schon auf wissen.dradio.de eingestellt werden sollen, wenn sie im klassischen Radio noch auf ihre Ausstrahlung warten.
Das mit der Ausstrahlung ist sowieso so eine Sache. Die Politik versagt dem Programm nämlich eine UKW-Frequenz, die aber auch kaum noch zu haben sein wird. Deshalb kann den Kanal nur empfangen, wer am PC sitzt oder sein Radiogerät an Kabel beziehungsweise Satellit anschließt. Oder aber, wer mobiltechnisch voll ausgestattet ist. DRadio Wissen will nämlich alle Inhalte zum Download anbieten, unter anderem als Podcasts. Das dürfte der Verbreitung zuträglich sein.
Weniger spannend ist da, dass DRadio Wissen schon zum Start das Geld fehlt. Statt eigener Sendungen will die Welle nach 20 Uhr und an Wochenenden vor allem Konserven senden. Allerdings will sie dabei nicht nur auf Inhalte der Schwesterprogramme und der ARD zurückgreifen, sondern sich auch im Ausland bedienen - etwa bei Radio France, der BBC und der DRS in der Schweiz. Zusammen mit den Themensendungen an Vor- und Nachmittagen könnten diese "Radio-Links" bei DRadio Wissen deshalb ein echter Mehrwert sein.
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