New York Times? Murnauer Tagblatt? Von wegen. Auf dem Titel prangen Spaßnamen wie Michaelas Zeitung oder Freddy-News. Darunter ein Foto von Freddys Freundin oder Michaelas Lieblingsfußballer. Darum herum gruppieren sich Meldungen aus dem Gemischtwarenladen: Klatsch, Sport oder der Erguss eines Bloggers.
Was klingt wie das Titelblatt eines Schülermagazins, könnte die Zukunft der Printmedien einläuten: die individualisierte Tageszeitung, zusammengestellt nach den Vorlieben des jeweiligen Lesers. Mit diesem Konzept drängt nun die Berliner Firma Interti auf den Markt. Niiu heißt das Produkt, mit dem die Studenten Hendrik Tiedemann und Wanja Sören Oberhof vom 16. November an die deutsche Medienlandschaft aufmischen wollen. Zunächst allerdings können nur die Berliner bei ihnen eine Zeitung ordern. Per Internet.
Das Netz hat die Unternehmer auch auf die Idee gebracht: "Die jungen Leute sind gewohnt, sich pluralistisch zu informieren", erklärt Oberhof, 23. "Ich etwa habe in der Lesezeichenliste meines Browsers verschiedenste Medien nebeneinander, von Bild bis New York Times. Ich bin es gewohnt selektiv zu lesen. Dazu kommen Links mit Special-Interest-Themen, die in der klassischen Tageszeitung gar keinen Platz finden."
Beide Seiten, Inhalte der Printmedien und die individuellen Favoriten aus dem Netz, will Niiu zusammenbringen: Der Leser gibt über eine Internet-Software seine Ressort-Präferenzen ein, wählt etwa aus, ob er den Sportteil aus Bild, die Politik der Frankfurter Rundschau oder den Lokalteil der Osnabrücker Zeitung möchte, nennt seine Lieblingsthemen aus dem Internet - und das fertige Produkt liegt am nächsten Morgen im Briefkasten: 24-seitig, geliefert vom Zeitungs-Zusteller, gedruckt auf Altpapier. Denn trotz des Faibles für das Web wollen die Niiu-Macher ihr Blatt nicht per E-Mail als PDF verschicken. "Das komfortabelste Medium ist derzeit einfach noch das Papier", sagt Wanja Sören Oberhof.
Zum Start konnten Oberhof und Tiedemann knapp 20 internationale Zeitungen gewinnen, neben Herald Tribune, Handelsblatt oder Frankfurter Rundschau auch die Komsomolskaya Prawda. Die Verlage stellen Niiu jeweils abends ihre aktuellen Seiten zur Verfügung. Natürlich gab es bei manchen Konzernen zunächst Bedenken, ihre Inhalte einem blutjungen Berliner Startup anzuvertrauen. Einige fürchteten sogar, Niiu wolle ihnen Leser rauben.
"Die hatten Angst vor Kannibalisierung", sagt Oberhof. "Wir haben das Produkt aber für eine Zielgruppe konzipiert, die meist gar keine Zeitungsabonnenten sind: Studenten, junge Leute. Und wer kein Leser ist, den kann ich nicht kannibalisieren." Finanziert wird Niiu durch Anzeigen, die die Firma selbst akquirieren und zielgruppengenau einsetzen will. Eine Niiu kostet 1,80 Euro, Schüler und Studenten zahlen weniger.
Auch wenn Interti als erstes Unternehmen seiner Art auf den Markt will - ganz neu ist die Idee nicht: Am Konzept einer individualisiert gedruckten Zeitung tüftelt ein Team von Wirtschaftsinformatikern um den Kölner Professor Detlef Schoder schon seit Jahren. 2006 haben die Forscher eine repräsentative Umfrage gestartet; die ergab, dass sich bis zu 25 Prozent der Befragten vorstellen können, ein solches Heft zu abonnieren. Inzwischen versuchen Mitarbeiter Schoders mit der GmbH Medieninnovation.com die Vision zu kommerzialisieren. Statt wie Niiu von einer Tageszeitung spricht die Kölner Firma von individualisierten Printprodukten, schließt damit auch Kataloge oder Magazine ein. Noch stärker als Niiu betont sie zudem den persönlichen Zuschnitt des Produkts: "Unser Ansatz: Eine individualisierte Zeitung ist auf der elementarsten Inhaltsebene individualisiert. Uns geht es nicht darum, einzelne Bücher oder Seiten aus Tageszeitungen zu übernehmen, sondern einzelne Artikel oder auch Blogbeiträge", erklärt Geschäftsführer René Keller. Er glaubt, das Konzept rechne sich, zumal Werbekunden ihre Reklame hier direkt die gewünschte Klientel richten könnten.
Auch die Schweizer Post hat im Frühjahr für ein paar Monate das Modell individualisierte Tageszeitung getestet. 700 Leser durften die so genannten Personalnews umsonst beziehen und probelesen. In Sachen Markteintritt aber lässt sich der Konzern Zeit. Derzeit wird die Testphase ausgewertet. Danach entscheidet die Post, ob das Blatt 2010 lanciert wird.
Manchmal sind es die kleinen, schönen Dinge am Rande, die beeindrucken. Die zeigen wir in unseren Bildern des Tages.