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Blog vs. Journalismus: Die fünfte Gewalt?

Der professionelle Journalismus muss sich der härter werdenden Kritik der Blogger stellen. Doch auch hier trennt sich die Spreu vom Weizen. Von Daland Segler

Da muss man schon genau hinsehen: Datentransfer für das Militär im Londoner Electra House im Kriegsjahr 1944.
Da muss man schon genau hinsehen: Datentransfer für das Militär im Londoner Electra House im Kriegsjahr 1944.
Foto: getty

Die Wände des Glashauses sind dünner geworden: Es klirrt viel schneller. Und das nicht nur, weil von innen Steine geworfen werden, nein, der professionelle Journalist muss sich heute immer mal wieder in Acht nehmen, weil er von außen Brocken vor die Füße geschmissen bekommt. Ohnehin dem öffentlichen Urteil zugänglich wie wenig andere Berufe, sieht sich der Journalismus einer zuvor nicht gekannten Überprüfung seines Tuns gegenüber - durch die Blogs im Internet.

Die "vierte Gewalt", dem Selbstverständnis nach Kontrollinstanz der Mächtigen, wird nun selbst kontrolliert, und das oft schärfer, als es das Gros der Journalisten gegenüber der "Obrigkeit" tut. Und nicht selten zu Recht.

Denn den Redakteuren in ihren Büros sitzen Tausende vor ihren Computern zuhause gegenüber, die auf dem einen oder anderen Gebiet Fachleute sind, während der Autor eines Artikels oft eher der versierte Vermittler ist als der Experte.

Die Entlassungen im Verlagsbereich, die Ausdünnung der Personaldecke tun ein Übriges, den allseits und immer wieder in Sonntagsreden beschworenen Ausweg aus der Zeitungskrise zu verbauen und die Qualität weiter zu senken.

Ein unschönes Beispiel dafür hat jetzt Stefan Niggemeier aufgetan, ehemals Medienjournalist bei der FAZ, nun als freier Autor einer der ernst zu nehmenden Blogger. Unter dem Motto "Geht sterben" hat er jüngst einen grotesken Auswuchs der Überforderung von Journalisten und / oder Sparsamkeit bei Verlagen demonstriert. Die können sich bei der Deutschen Presse-Agentur unter anderem ein Komplett-Paket bestellen, den dpa-feed: Für die Online-Ausgaben der Zeitungen werden aktuelle Nachrichtenblöcke eingekauft und automatisch auf die Web-Site gehoben.

Und so geschah es auch vor gut einer Woche, am 7. Juni. Da meldete dpa: "Frank Schirrmacher erhält Ludwig-Börne-Preis". Und unter dieser Überschrift stand dann: "Beyoncé hat sich im April mit ihrem neuen Film ,Obsessed' an die Spitze der US-Kinocharts gespielt. Der Thriller erinnert stark an ,Eine verhängnisvolle Affäre' von 1987." Dazu ein Bild Schirrmachers, der seine Laudatorin Necla Kelek umarmt.

Diese abstruse Kombination fand sich in gleich 13 (!) Online-Auftritten deutscher Zeitungen und Zeitschriften: Von der Süddeutschen Zeitung über die Lausitzer Rundschau bis zu stern.de und Zeit-online. Bei einigen war das Kürzel "dpa" vor dem Text stehen geblieben, bei anderen war es entfernt worden, , die Augsburger Allgemeine aber setzte "az" als Kürzel vor die Meldung: Da muss also jemand hingesehen haben und doch blind gewesen sein für das eklatante Auseinanderklaffen von Bild und Text.

"Ist es nicht beeindruckend, in welchem Maße vermeintliche Qualitätsmedien bereit sind, ihre ebenso vermeintlich guten Namen über Inhalte zu setzen", fragt Niggemeier, "über die vor der Veröffentlichung kein Mitarbeiter von ihnen auch nur eine Zehntelsekunde drübergeschaut hat?"

Der erste Fehler wurde von dpa gemacht, keine Frage. Deren Sprecher Justus Demmer erklärt das Prinzip: Bei diesem Angebot der Agentur kann vom Kunden ein "Anpassungsgrad" gewählt werden: Will die Zeitung den feed noch einmal bearbeiten oder soll das Material direkt in die Online-Ausgabe einfließen. Das ist in diesem Fall offenbar geschehen, und Demmer weist darauf hin, dass die ebenfalls angebotene Berichtigung des "Flüchtigkeitsfehlers" (Demmer) nicht im Netz auftauche.

Aber der Automatismus der Push-Dienste einer Agentur kann natürlich niemanden hindern, sich das Produkt noch einmal anzusehen. Einer der betroffenen Online-Redakteure gesteht denn auch, dass man schon seit Jahren "nicht glücklich" mit dem dpa-feed sei und als Drei-Mann-Redaktion einfach nicht immer die Zeit habe, das Gelieferte noch zu prüfen.

Das ist Wasser auf die Mühlen derjenigen Blogger, die sich gerne am Print reiben: "Und ist es nicht beeindruckend", fragt Niggemeier weiter, "in welchem Maße vermeintliche Qualitätsmedien glauben, es sei eine gute Idee, ihre Online-Angebote automatisch generiert mit exakt den Inhalten zu füllen, die wortgleich, fehlergleich überall, überall, überall sonst stehen?"

Dabei ist Niggemeier einer derjenigen, die nicht unbedingt auf den Antagonismus Presse gegen Blogger aus sind. In den Kommentaren zu Texten auf seiner Seite geht es eher differenziert zu, wenn auch einer wie der "Katzenblogger" gestern in einem Kommentar zum Artikel "Die Rum-Mein-Medien" Blogger schon "als fünfte Gewalt" sieht. Mehr als die Berufung auf die unregulierte und deshalb per se demokratische Masse im Web braucht es da offenbar als Legitimation nicht.

Das kann, wie im Falle Niggemeiers oder von seriösen Bloggern wie medienlese.com, Der Spiegelfechter, Thomas Knüwer und Hans-Peter Siebenhaar (beide Handelsblatt), tatsächlich zur Verbesserung nicht nur der Presse, sondern auch des öffentlichen Diskurses beitragen, während andere prominente Blogger wie Rainer Meyer alias Don Alphonso offensichtlich eher an die Kraft der Polemik glauben, wie er auf "blogbar" demonstriert, wo er Journalisten (angestellte, versteht sich) als " generell zu wenig meinungsfreudig, innovativ und beweglich" abqualifiziert. Sie seien zudem "ziemlich faul und fett und lieben eingefahrene Denkstrukturen, die sie mit ihren Wortbausteinen füllen".

Und Jakob Augsteins in der FR jüngst formulierte Kritik an Meyer, die Blogosphäre habe keine Antwort auf die Krise der Presse und sei nicht darauf vorbereitet, etwa die "Vierte Gewalt" zu ersetzen, wird von Don Alphonso (der auch bei der FAZ bloggen kann) selbstredend unsachlich gekontert: "den Eindruck der Inkompetenz bei Der Freitag kann ich nur bestätigen. Manchmal frage ich mich, warum solche Tüten nicht mal den Anstand haben und Bloggern gradraus das anbieten, was sie jedem anderen auch anbieten würden". Ein Verfasser namens Brainbomb findet an anderer Stelle gar, "dass die Medien sowieso irgendwie die Bloggerszene kaputt machen".

Aber vermutlich wird sich die Spreu vom Weizen ganz von selbst trennen, durch Qualität - auf beiden Seiten. Hoffentlich. Denn stern.de, Lausitzer Rundschau, Hamburger Morgenpost und Donaukurier hatten die Schirrmacher-Beyoncé-Verbindung nach mehr als einer Woche immer noch auf der Web-Site.

Autor:  DALAND SEGLER
Datum:  16 | 6 | 2009
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