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Medien

28. Februar 2011

Die Macht von Al Dschasira: Die Kraft der Worte

 Von Inge Günther
Das Logo des mächtigen TV-Senders Al Dschasira.  Foto: REUTERS

Der Sender Al Dschasira befördert eine neue Debattenkultur in den arabischen Medien

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In der arabischen Welt laufen die Fernseher nahezu nonstop: Im palästinensischen Gemüseladen genauso wie in schicken Hotels am Golf. Überall wird Revolution geguckt. Und meistens auf Al Dschasira, dem Satellitensender aus dem Golfemirat Katar, dessen Namenslogo zu einem goldenen arabischen Ornament verschlungen ist. Wer in diesen Zeiten des Umbruchs nahe am Geschehen bleiben will, kann auf Al Dschasira nicht verzichten. Dessen Berichte hätten zwar die jetzige Entwicklung nicht ausgelöst, meinte kürzlich Mark Lynch, Professor für Nahost-Studien in Washington, „aber es ist nahezu unmöglich sich vorzustellen, dass all dies ohne Al Dschasira passiert wäre.“

Abermillionen arabischer Zuschauer haben jedenfalls das Gefühl, bei Al Dschasira in der ersten Reihe zu sitzen. Ob beim Sturz der Regime in Tunis und Kairo oder im Drama um Gaddafi, dem sich noch einmal aufbäumenden Tyrannen in Tripolis. Der Sender hat die Nase vorn, nicht zuletzt, weil überall, wo seine Zuschauer sitzen, auch seine Reporter vertreten sind, meist sehr professionelle, zur Not tun es Aktivisten.

Al Dschasira präsentiert sich mit Vorliebe engagiert. „Das Volk macht die Revolution“, so beginnt im arabischen Programm ein Clip vor dem nächsten Nachrichtenüberblick. Ein Zusammenschnitt der bewegendsten Protestszenen, untermalt von aufwühlender Musik. Der Satz eines tunesischen Dichters wird eingeblendet: „Wenn das Volk das Leben will, wird das Schicksal ihm antworten.“

Kein Angst vor großen Worten

Al Dschasira scheut vor großen Worten so wenig zurück wie vor blutigen Bildern, die westliche TV-Macher lieber rausschneiden. Doch so reißerisch sich der Sender präsentiert, in erster Linie ist er informativ, gemäß seinem Slogan „Meinung und Gegenmeinung“. In seinen Debattenrunden lässt er unterschiedliche Stimmen zu Wort kommen: Säkulare wie liberale und konservative Analysten, aber eben auch Islamisten. In den 15 Jahren seines Bestehens hat Al Dschasira damit einen Diskurs über die diversen arabischen Landesgrenzen hinweg in Gang gesetzt. Durchaus couragiert legt sich der Nachrichtenkanal dabei mit den Herrschenden an – bevorzugt, wenn sich der Volkszorn gegen repressive, vom Westen gestützte Regime mobilisieren lässt.
Ausgenommen Katar, wo nicht nur die eigene Sendezentrale liegt, sondern auch ein US-Flottenverband. Dem Emirat, meint der israelische Islamwissenschaftler Elie Podeh, diene Al Dschasira als Instrument, „um eine aktive Rolle in Nahost zu spielen und politische Rechnungen zu begleichen.“ Aus Verdruss darüber hat Saudi-Arabien vor Jahren ein Gegenprogramm gestartet: Al Arabia, eine TV-Station, die moderater daherkommt als die Konkurrenz aus Doha – aber noch nicht diese Bedeutung von Al Dschasira erreicht hat.
Doch so parteilich Al Dschasira berichtet, so unverkennbar seine unterschwelligen Sympathien für Hamas oder Hisbollah sind – bei aller Kritik lasse sich eines schwerlich bestreiten, so Danny Rubinstein, ehemaliger Journalist der israelischen Zeitung Haaretz: „Al Dschasira zählt zu den Hauptkräften, die Ideen wie Meinungsfreiheit und Demokratie unter den Arabern verbreitet haben“, sagt er. Das strahlt auch ab auf nationale TV-Stationen, etwa in Jordanien, die sich heutzutage weit eher an kontroverse Diskussionen wagen.
Die eigentliche Feuerprobe könnte den Al Dschasira-Reportern allerdings erst noch bevorstehen. Etwa wenn die revolutionären Funken auch auf Damaskus mit seinem besonders repressiven aber von Katar geschätzten System überspringen sollten. „Syrien wird der Test für Al Dschasira“, prognostiziert der palästinensische Medienbeobachter Khader Khader. Falls der Sender sich dort nicht auf Seiten der Protestbewegung stelle, „wird seine Glaubwürdigkeit in einer Sekunde verpuffen“. Seiten 6/7, 31

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